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Worum es hier geht
Willkommen zu dieser Audio Reihe über Chi Sao. Mein Name ist Björn Germek. Ich arbeite körperbasiert in der Psychotherapie sowie in der Begleitung von Menschen in beruflichen Kontexten, in Teams und Organisationen.
In den vergangenen Wochen habe ich Chi Sao bereits in mehreren Beiträgen auf LinkedIn eingeführt. Diese Audios sind als Vertiefung gedacht. Sie funktionieren auch dann, wenn du diese Beiträge nicht gelesen hast.
Mir geht es hier nicht um Kampfkunst im engeren Sinn. Mir geht es um das, was Chi Sao über Kontakt, Beziehung und Selbstregulation lehrt.
Was Chi Sao ist
Chi Sao bedeutet wörtlich „klebende Hände“. Ursprünglich stammt die Übung aus dem Wing Chun. Zwei Menschen bleiben über ihre Unterarme in kontinuierlichem Kontakt. Es geht nicht um Gewinnen, nicht um Technikabfolgen, nicht um Kraft.
Das Ziel ist Sensitivität. Frühes Wahrnehmen von Druck, Richtung und Veränderung. Lesen von Timing, Struktur und Nachgeben.
Chi Sao schult die Fähigkeit, unter Druck orientiert zu bleiben. Nicht reflexhaft zu reagieren, sondern im Kontakt zu bleiben, während sich etwas verändert.
Genau deshalb hat mich diese Übung über viele Jahre begleitet und prägt heute meine Arbeit mit Menschen.
Warum ich mit Inhibition beginne
Bevor ich eines der klassischen Chi Sao Prinzipien aufgreife, beginne ich bewusst mit einem Schritt davor. Mit einem Prinzip, das im traditionellen Wing Chun nicht explizit benannt wird, für mich aber grundlegend ist. Es geht um Inhibition.
Alexandertechnik – ein kurzer Kontext
Der Begriff Inhibition stammt aus der F. M. Alexandertechnik. Ich bin kein Alexanderlehrer. Ich praktiziere jedoch die Direktiven dieser Arbeit seit vielen Jahren, getragen von sehr vielen bewusst wahrgenommenen Einzelstunden, und habe diese Erfahrung in meine Chi Sao Praxis und meine Arbeit mit Menschen integriert.
Frederick Matthias Alexander entwickelte diesen Ansatz ursprünglich, um mit massiven Stimmproblemen umzugehen. Er stellte fest, dass nicht die Stimme selbst das Problem war, sondern gewohnte Muster von Spannung, Haltung und Reaktion.
Der zentrale Gedanke der Alexandertechnik lautet: Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Moment. Und dieser Moment ist zugänglich. Inhibition bedeutet hier nicht Unterdrückung. Sondern das bewusste Aussetzen eines automatischen Impulses.
Inhibition im Chi Sao
Im Chi Sao entstehen permanent Impulse. Jemand drückt. Jemand zieht. Jemand beschleunigt. Der eigene Körper will sofort reagieren. Gegenhalten. Zurückziehen. Härter werden. Ausweichen.
Inhibition ist der Moment, in dem du bemerkst: Da ist ein Impuls. Und du folgst ihm nicht sofort. Du lässt einen Spalt entstehen zwischen Wahrnehmung und Handlung. In diesem Spalt wird Orientierung möglich. Ohne Inhibition läuft Chi Sao reflexhaft. Mit Inhibition wird es lesbar.
Ein Beispiel aus der Arbeit mit Menschen
Das zeigt sich sehr deutlich in der therapeutischen Arbeit. Ein Mensch erzählt etwas Belastendes. Ein innerer Impuls entsteht, etwas zu sagen, zu ordnen, zu helfen.
Wenn ich diesem Impuls sofort folge, verlasse ich oft den Kontakt. Nicht aus Unachtsamkeit, sondern aus Gewohnheit. Inhibition heißt hier: Ich bleibe einen Moment länger. Ich halte den Kontakt. Ich lasse den Raum bestehen. Erst dann wird oft sichtbar, was wirklich gebraucht wird.
Ein Beispiel aus dem Organisationskontext
Auch in Teams zeigt sich das sehr klar. Spannung entsteht. Eine Bemerkung triggert Widerstand. Der Impuls zur Klarstellung ist sofort da.
Inhibition bedeutet hier nicht, nichts zu sagen. Sondern den Impuls zu pausieren. In dieser Pause wird häufig deutlich: Es fehlt nicht an Klarheit. Es fehlt an Orientierung im Kontakt.
Warum das der Boden für alle weiteren Prinzipien ist
Alle klassischen Chi Sao Prinzipien setzen genau hier an. Vorzustoßen. Nachzugeben. Zu folgen. Kraft zu lösen und zu nutzen.
Ohne Inhibition bleiben diese Prinzipien mechanisch. Mit Inhibition werden sie zu Beziehung. Deshalb steht dieses Prinzip für mich am Anfang dieser Reihe.
Weiterführende Einordnung
Zwei ruhige Ankerpunkte für den Hintergrund: einmal zur Alexandertechnik als Bezugsrahmen, einmal zu einem kompakten Überblick über Inhibition als Prinzip der Selbststeuerung.
•
Alexander Technique International – What is the Alexander Technique
Sachliche Einführung in Inhibition, Gewohnheit und bewusste Steuerung aus internationaler Perspektive.
•
British Medical Journal – The Alexander Technique
Medizinisch orientierte Einordnung zur Wirkung der Alexandertechnik auf Haltung, Spannung und Selbstregulation.
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