Spezialwissen zur Vertikalen Praxis

Die folgenden Texte vertiefen zentrale Begriffe und beobachtbare Phänomene der Vertikalen Praxis. Sie beschreiben unterschiedliche Möglichkeiten, Wahrnehmung, Kontakt, körperliche Organisation und Entwicklung genauer zu verstehen.

Die Vertikale Praxis beginnt nicht bei einer abgeschlossenen Theorie. Sie beginnt bei Erfahrungen, die sich im Kontakt mit dem eigenen Körper, anderen Menschen und der gegenwärtigen Wirklichkeit beobachten lassen.

Die Beiträge sind in fünf Bereiche gegliedert. Sie können einzeln gelesen werden und verweisen zugleich auf weitere Texte, durch die nach und nach ein zusammenhängender Wissensbereich entsteht.

Grundlagen der Vertikalen Praxis

Realitätsfähigkeit
Die Fähigkeit, mit der gegenwärtigen Wirklichkeit in Kontakt zu bleiben und das tatsächlich Geschehende zunehmend von eigenen Erwartungen, Mustern und Deutungen unterscheiden zu können.

Vorwärtsspannung
Eine innere Bereitschaft, sich dem Kontakt und der gegenwärtigen Wirklichkeit zuzuwenden, ohne zu drängen, zu kämpfen oder Entwicklung erzwingen zu wollen.

Durchlässigkeit
Den eigenen Körper und die Einwirkungen von außen gleichzeitig wahrnehmbar halten, ohne sich im Inneren zurückzuziehen oder im Außen zu verlieren.

Kontaktverlust
Erkennen, wann und auf welche Weise sich der Kontakt zum eigenen Erleben, zum Gegenüber oder zur gegenwärtigen Situation verändert oder abbricht.

Präsenz
Im gegenwärtigen Kontakt körperlich, aufmerksam und wahrnehmungsfähig verfügbar bleiben, ohne sich ausschließlich in Gedanken oder automatischen Reaktionen zu verlieren.

Erfahrung statt Technik
Warum nicht die äußere Methode, sondern das tatsächlich Wahrnehmbare im eigenen Erleben und im gemeinsamen Kontakt den Ausgangspunkt der Vertikalen Praxis bildet.

Wahrnehmung und Kontakt

Propriozeption
Wie der eigene Körper auch ohne äußere Betrachtung wahrgenommen werden kann und weshalb diese Wahrnehmung den gleichzeitigen Kontakt mit innen und außen unterstützt.

Druck wahrnehmen
Fein beobachten, wann und wo Druck entsteht und wie er Körperspannung, Wahrnehmung, Kontakt und Handlungsfähigkeit verändert.

Kleben bleiben
Im unmittelbaren Kontakt bleiben, auch wenn Unsicherheit oder Irritation entstehen, ohne die Verbindung vorschnell abzubrechen oder starr festzuhalten.

Folgen
Tatsächlichen Veränderungen im Kontakt aufmerksam folgen, statt Entwicklungen vorwegzunehmen, zu kontrollieren oder in eine gewünschte Richtung zu zwingen.

Resonanz
Die wechselseitige Beeinflussung in einer Begegnung wahrnehmen, ohne sie vorschnell zu erklären oder ausschließlich als eigenes inneres Erleben zu behandeln.

Vorstoßen
Sich aktiv und gerichtet in den Kontakt hineinbewegen, ohne das Gegenüber zu überwältigen oder die eigene Wahrnehmungsfähigkeit zu verlieren.

Nachgeben
Einer einwirkenden Kraft Raum geben, ohne passiv zu werden, zusammenzubrechen oder die eigene Organisation aufzugeben.

Kraft und Beweglichkeit im Kontakt

Sich von der eigenen Kraft befreien
Überflüssige eigene Anspannung vermindern, damit Wahrnehmung, Beweglichkeit und Kontaktfähigkeit nicht durch das eigene Tun blockiert werden.

Sich von der Kraft des Gegenübers befreien
Eine einwirkende Kraft nicht festhalten, nicht gegen sie verhärten und sich nicht vollständig von ihr bestimmen lassen.

Die Kraft des Gegenübers nutzen
Vorhandene Richtung, Bewegung und Kraft aufnehmen und für die weitere Entwicklung des Kontakts nutzen, statt unmittelbar mit Gegenkraft zu reagieren.

Die kleine Kraft hinzufügen
Einer bereits vorhandenen Bewegung nur denjenigen eigenen Impuls hinzufügen, der für eine tatsächliche Veränderung erforderlich ist.

Struktur und körperliche Organisation

Horizontale Zentrallinie
Eine Orientierung im unmittelbaren Kontaktfeld, die Richtung, Raum, Verbindung und mögliche Öffnungen innerhalb einer Begegnung wahrnehmbar macht.

Vertikale Achse
Die körperlich erfahrbare innere Orientierung und Aufrichtung, aus der Stabilität, Durchlässigkeit und Beweglichkeit entstehen können.

Struktur
Eine tragfähige körperliche und innere Organisation, die Kräfte aufnehmen und weiterleiten kann, ohne unnötige Spannung oder kompensatorische Anstrengung zu erzeugen.

Gleichgewicht
Kein festgehaltener Zustand, sondern eine fortlaufende, wahrnehmungsfähige Anpassung an sich verändernde innere und äußere Bedingungen.

Bewegung aus der Struktur
Wie Bewegung aus einer tragfähigen Gesamtorganisation entstehen kann, statt vor allem durch isolierte Muskelkraft, Hektik oder zusätzliche Anstrengung.

Entwicklung und neue Handlungsmöglichkeiten

Inhibition
Das bewusste Unterbrechen einer automatischen Reaktion, damit gegenwärtige Wahrnehmung und neue Handlungsmöglichkeiten entstehen können.

Phänomenologische Entwicklung
Wie Entwicklung aus der unmittelbaren Erfahrung dessen entstehen kann, was sich im gegenwärtigen Kontakt tatsächlich zeigt.

Verkörperte Skripte
Wie frühere Erfahrungen nicht nur in Gedanken und Erzählungen, sondern auch in körperlichen Kontakt-, Spannungs- und Bewegungsmustern weiterwirken.

Skriptspannung
Die verkörperte Grundspannung, mit der bisherige Erfahrungen, Erwartungen und Schutzbewegungen im gegenwärtigen Kontakt organisiert werden.

Parasympathikus
Die Bedeutung vegetativer Regulation für Sicherheit, Wahrnehmung, Lernen, Kontaktfähigkeit und die Entstehung neuer Erfahrungen.

Sicherheit unter Druck
Auch unter Belastung den Kontakt zum eigenen Körper, zum Gegenüber und zur tatsächlichen Situation so weit erhalten, dass Handlungsfähigkeit möglich bleibt.

Fehler als Information
Fehler und Irritationen nicht als persönliches Versagen behandeln, sondern als Hinweise darauf, wie Wahrnehmung, Bewegung und Kontakt gegenwärtig organisiert sind.

Entwicklung im Kontakt
Warum Entwicklung nicht ausschließlich im Inneren eines Menschen geschieht, sondern in der Begegnung mit sich selbst, anderen Menschen und der gegenwärtigen Wirklichkeit.

Vom Reagieren zum Handeln
Automatische Reaktionen zunehmend unterbrechen und aus gegenwärtiger Wahrnehmung, Kontakt und tatsächlich vorhandenen Möglichkeiten heraus handeln.