Fehler als Information

Björn Germek · Emsdetten

Entwickler der Vertikalen Praxis

Eine Bewegung gerät ins Stocken, eine Frage erzeugt eine unerwartete Wirkung oder ein vertrauter Ablauf trägt unter veränderten Bedingungen plötzlich nicht mehr. In solchen Momenten wird eine Differenz zwischen Erwartung und tatsächlichem Geschehen sichtbar.

Ein Fehler zeigt, wie Wahrnehmung und Handlung gerade organisiert waren. Körperliche Spannung, vorbereitete Reaktionen und Annahmen über das Gegenüber treten deutlicher hervor, sobald der erwartete Verlauf unterbrochen wird.

Die Vertikale Praxis behandelt diese Abweichung als konkrete Information. Durch Verlangsamung, Wiederholung und gemeinsame Beobachtung kann erkennbar werden, wo die bisherige Organisation endete und eine neue Erfahrung beginnen könnte.


Moin, ich bin der Björn.

Bevor du weiterliest, möchte ich dir kurz etwas darüber erzählen, was ich mache und warum es diesen und weitere Texte gibt.

Die Texte sind Teil meiner freiberuflichen Arbeit. Ich veröffentliche sie, weil mich die Themen beschäftigen und weil ich gerne Wissen teile. Genauso wichtig ist mir der Kontakt zu den Menschen, die hier lesen. Deshalb verstehe ich diese Seite als ein Beziehungsangebot. Wenn dich etwas berührt, interessiert oder beschäftigt, freue ich mich über eine Nachricht von dir.


Inhaltsverzeichnis


Kurz erklärt

Fehler als Information beschreibt innerhalb der Vertikalen Praxis eine Haltung, in der misslingende Bewegungen, unpassende Antworten und unerwartete Verläufe genauer beobachtet werden.

Ein Fehler zeigt, wie Wahrnehmung und Handlung in diesem Moment organisiert waren. Er kann sichtbar machen, wann der Körper seine Struktur verlor, eine Erwartung die aktuelle Situation überlagerte oder eine automatische Reaktion schneller war als die erneute Orientierung.

Abweichungen machen Unterschiede erkennbar
Sobald ein Fehler als beobachtbares Ereignis behandelt wird, entsteht ein Lernraum. Die Frage richtet sich darauf, was tatsächlich geschehen ist und welche Veränderung beim nächsten Versuch erfahrbar werden könnte.


Wenn etwas anders geschieht als erwartet

Eine Bewegung beginnt mit einer klaren Absicht. Der Körper soll dem Druck folgen, das Gleichgewicht behalten oder eine bestimmte Richtung aufnehmen. Im nächsten Moment wird der Arm fest, das Gewicht kippt und die Bewegung endet an einer Stelle, an der sie eigentlich weitergehen sollte.

Auch in einem Gespräch kann der Verlauf von der Erwartung abweichen. Eine vorsichtig formulierte Frage führt zu Rückzug. Eine Erklärung, die Klarheit schaffen sollte, erhöht die Verwirrung. Ein gut gemeinter Hinweis lässt den Kontakt dünner werden.

Solche Momente werden häufig sehr schnell bewertet. Die Bewegung war falsch, die Frage ungeschickt oder die Reaktion unangemessen. Noch bevor das Geschehen genauer wahrgenommen wird, steht bereits fest, dass es beim nächsten Mal anders laufen soll.

Dabei enthält gerade die Abweichung wertvolle Informationen. Sie zeigt, wie die Situation unter den gegebenen Bedingungen tatsächlich verlaufen ist. Zwischen Absicht und Wirkung wird ein Unterschied sichtbar, der zuvor möglicherweise verborgen blieb.

Die Vertikale Praxis richtet die Aufmerksamkeit auf diesen Unterschied. Welche Veränderung trat zuerst auf? Wann wurde die Wahrnehmung enger? Wo begann zusätzliche Kraft? Wie antwortete das Gegenüber auf die eigene Bewegung?

Ein Fehler wird dadurch zu einem konkreten Ereignis im Kontakt. Er erhält eine zeitliche, körperliche und relationale Gestalt. Je genauer diese Gestalt wahrgenommen wird, desto mehr verliert der Fehler seinen pauschalen Charakter.


Der Fehler zeigt die gegenwärtige Organisation

Menschen handeln aus einer bereits vorhandenen Organisation heraus. Körperhaltung, Aufmerksamkeit, Erwartungen und gelernte Reaktionen wirken zusammen. Viele dieser Zusammenhänge bleiben unbemerkt, solange eine Situation wie erwartet verläuft.

Ein Fehler unterbricht diese Selbstverständlichkeit. Er macht sichtbar, welche Lösung der Organismus im entscheidenden Moment gewählt hat. Vielleicht wurde eine Kraft abgewehrt, obwohl Nachgeben vorgesehen war. Vielleicht entstand Rückzug, obwohl der Mensch sich eigentlich klar ausdrücken wollte.

Die misslungene Handlung ist damit keine zufällige Störung. Sie zeigt eine gegenwärtig verfügbare Antwort. Diese Antwort kann aus langjähriger Übung, einer vertrauten Schutzbewegung oder einer kurzfristigen Anpassung an die Situation hervorgehen.

In einer körperlichen Übung wird beispielsweise deutlich, dass die Schulter regelmäßig zusätzliche Arbeit übernimmt. Solange der Druck gering bleibt, fällt dies kaum auf. Steigt die Anforderung, wird die Bewegung fester und die Verbindung zum Boden schwächer.

Der Fehler zeigt hier den Aufbau der Bewegung. Er verweist auf die Stelle, an der der Körper Belastung sammelt und den Gesamtzusammenhang verliert. Diese Information lässt sich unmittelbar überprüfen, indem Tempo oder Druck verändert werden.

Auch sprachliche Fehlerbilder können auf diese Weise gelesen werden. Ein Begleiter erklärt ausführlicher, sobald Unsicherheit entsteht. Die Erklärung enthält Fachwissen und zeigt zugleich, wie er selbst auf fehlende Orientierung reagiert.

Fehler werden dadurch zu Momentaufnahmen einer lebendigen Organisation. Sie beschreiben keinen festen Wesenszug. Unter anderen Bedingungen kann derselbe Mensch eine andere Antwort finden.


Zwischen Erwartung und Wirklichkeit

Ein Fehler entsteht häufig dort, wo eine Erwartung und der tatsächliche Verlauf auseinanderfallen. Der Mensch rechnet mit einer bestimmten Kraft, einer bekannten Reaktion oder einem vertrauten Ablauf. Seine Handlung richtet sich bereits auf das Erwartete aus.

Verändert sich die Situation, braucht der Organismus einen Moment zur Neuorientierung. Manchmal gelingt diese Anpassung unmittelbar. In anderen Momenten setzt sich die vorbereitete Bewegung fort und trifft auf Bedingungen, die inzwischen andere geworden sind.

Im körperlichen Kontakt kann der Übende beispielsweise eine Kraft nach außen erwarten. Das Gegenüber nimmt den Druck jedoch plötzlich zurück. Der Körper stößt weiter in den freigewordenen Raum und verliert sein Gleichgewicht.

Im Gespräch geschieht etwas Ähnliches, wenn eine Antwort schon während des Zuhörens vorbereitet wird. Das Gegenüber verändert seinen Gedanken, doch die eigene Reaktion bezieht sich weiterhin auf den früheren Verlauf. Beide sprechen anschließend über unterschiedliche Situationen.

Der Fehler markiert den Augenblick, in dem die innere Vorwegnahme den Kontakt zur gegenwärtigen Wirklichkeit überlagert. Dadurch wird die Erwartung selbst wahrnehmbar. Sie zeigt sich körperlich als vorbereitete Spannung, gedanklich als Gewissheit oder relational als festgelegte Zuschreibung.

Realitätsfähigkeit wächst, wenn solche Vorwegnahmen erkannt werden können. Die Erwartung darf weiterhin Orientierung geben. Zugleich bleibt Raum für die Möglichkeit, dass sich die Situation anders entwickelt.

Fehler unterstützen diese Offenheit, weil sie eine Differenz sichtbar machen. Der Organismus erhält Rückmeldung darüber, wo sein inneres Modell und das tatsächliche Geschehen nicht mehr zusammenpassten.


Körperliche Fehlerbilder

Körperliche Fehler zeigen sich häufig als Verlust von Zusammenhang. Ein einzelner Bereich übernimmt zu viel Arbeit. Die Schultern heben sich, die Hände werden fest oder das Gewicht weicht aus der tragenden Struktur.

Von außen erscheint das Ergebnis vielleicht als falsche Bewegung. Im eigenen Erleben lohnt sich eine feinere Beobachtung. Wann begann die Spannung zuzunehmen? Welche Körperbereiche wurden undeutlicher? An welcher Stelle verlor die Bewegung ihre Verbindung zum Boden?

Diese Fragen machen den Verlauf lesbar. Der Fehler besteht dann nicht nur im sichtbaren Endpunkt. Er entwickelt sich über mehrere kleine Übergänge, die häufig schon vor dem eigentlichen Misslingen begonnen haben.

Ein Arm wird beispielsweise fest, weil der Brustkorb zuvor seine Beweglichkeit verloren hat. Das Gewicht kippt nach hinten, nachdem der Atem angehalten wurde. Die sichtbare Reaktion bildet den Abschluss einer ganzen Organisationsfolge.

Durch langsame Wiederholung können diese Übergänge deutlicher werden. Der gleiche Druck wird erneut angeboten, diesmal mit geringerer Geschwindigkeit. Der Übende nimmt wahr, wie sich der Impuls zur Versteifung vorbereitet und an welcher Stelle eine andere Antwort möglich wird.

Körperliche Fehlerbilder sind dabei individuell. Zwei Menschen können bei derselben Aufgabe ein ähnliches Ergebnis zeigen und es auf völlig unterschiedliche Weise hervorbringen. Die sichtbare Form allein erklärt den zugrunde liegenden Prozess nur teilweise.

Deshalb richtet sich die Vertikale Praxis auf die konkrete Erfahrung. Der Körper liefert Informationen über Richtung, Timing, Spannung und Zusammenhang. Aus diesen Informationen kann sich eine neue Bewegung entwickeln.


Fehler im zwischenmenschlichen Kontakt

In Beziehungen lassen sich Fehler schwerer eingrenzen als in einer technischen Aufgabe. Eine Äußerung kann beim Gegenüber anders ankommen als beabsichtigt. Eine hilfreiche Intervention erzeugt Druck. Ein Versuch, Nähe herzustellen, führt zu mehr Abstand.

Die Wirkung entsteht im gemeinsamen Feld. Sie hängt von der Formulierung, der Stimme, dem Zeitpunkt und den bisherigen Erfahrungen aller Beteiligten ab. Deshalb lässt sich ein misslungener Kontaktmoment selten auf eine einzelne Ursache reduzieren.

Dennoch enthält die Reaktion des Gegenübers wichtige Informationen. Der Blick verändert sich, die Stimme wird knapper oder das Gespräch verliert an Beweglichkeit. Solche Veränderungen zeigen, dass die bisherige Form des Kontaktes gerade weniger tragfähig geworden ist.

Ein Mensch kann diese Rückmeldung aufnehmen und seine eigene Bewegung prüfen. Vielleicht war das Tempo zu hoch. Möglicherweise enthielt eine offene Frage bereits eine bestimmte Erwartung. Auch ein unausgesprochener Wunsch nach Zustimmung kann den Kontakt beeinflussen.

Der Fehler wird dadurch zu einem relationalen Ereignis. Er gehört weder ausschließlich dem einen noch dem anderen. Beide Seiten haben an einer Situation mitgewirkt, deren Verlauf nun beobachtet und verändert werden kann.

Eine einfache Benennung kann bereits Bewegung schaffen: „Ich glaube, meine Frage hat gerade mehr Druck erzeugt.“ Diese Aussage stellt keine endgültige Erklärung dar. Sie öffnet den gemeinsamen Raum für weitere Wahrnehmung.

Kontakt kann sich anschließend neu organisieren. Das Gegenüber bestätigt die Beobachtung, widerspricht ihr oder bringt eine ganz andere Erfahrung ein. Der Fehler führt so zu zusätzlicher Information über die Beziehung.


Björn Germek in der Vertikalen Praxis

Vertikale Praxis – Erfahrungssettings

Diese Seite vertieft ein einzelnes Phänomen der Vertikalen Praxis. Sie gehört zu einem größeren Wissensbereich, der körperliche, relationale und entwicklungsbezogene Erfahrungen aus unterschiedlichen Perspektiven beschreibt.

Zwei Hauptseiten führen von diesem Wissen in konkrete Erfahrungsräume: Chi Sao und Vertikale Selbsterforschung. Auf beiden Seiten wird das jeweilige Erfahrungssetting ausführlich vorgestellt.


Chi Sao stammt ursprünglich aus der südchinesischen Kampfkunst Wing Chun. Die Partnerübung schult die Wahrnehmung von Berührung, Druck, Richtung und Veränderung im unmittelbaren Kontakt. Ich habe sie aus ihrem kämpferischen Zusammenhang heraus weiterentwickelt und an die Grundhaltung der Vertikalen Praxis angepasst.


Vertikale Selbsterforschung ist ein Erfahrungssetting für phänomenologisch orientierte Selbsterforschung. Im Mittelpunkt steht die unmittelbare Wahrnehmung des eigenen Körpers und seiner fortlaufenden Beziehung zur gegenwärtigen Situation. Propriozeption, innere Empfindungen und Resonanz werden dabei zu Zugängen für die gemeinsame Erforschung des eigenen Erlebens.


Die erste Reaktion auf einen Fehler

Ein Fehler löst häufig unmittelbar eine zweite Reaktion aus. Der Körper spannt sich an, der Blick wird enger und der Impuls zur schnellen Korrektur entsteht. Noch bevor der Fehler untersucht wurde, beginnt bereits der Versuch, ihn ungeschehen zu machen.

Manche Menschen erhöhen ihre Anstrengung. Sie wiederholen dieselbe Bewegung mit mehr Kraft oder erklären ihren Gedanken ausführlicher. Andere ziehen sich zurück, entschuldigen sich sofort oder geben die Aufgabe innerlich ab.

Diese erste Reaktion enthält oft ebenso viele Informationen wie der ursprüngliche Fehler. Sie zeigt, wie der Organismus mit Abweichung, Unsicherheit und Sichtbarkeit umgeht. Scham, Ärger oder ein starker Leistungsimpuls können den weiteren Verlauf prägen.

Inhibition eröffnet hier einen kurzen Zwischenraum. Die Korrektur muss für einen Moment warten. Der Fehler darf als geschehenes Ereignis wahrgenommen werden. Was ist gerade im Körper vorhanden? Welche Bewegung möchte sofort beginnen?

Bereits dieses kurze Verweilen verändert den Lernprozess. Der Mensch erlebt, dass eine Abweichung ausgehalten und untersucht werden kann. Aufmerksamkeit richtet sich auf den Verlauf statt ausschließlich auf das gewünschte Ergebnis.

Aus dieser Beobachtung kann eine gezieltere nächste Bewegung entstehen. Vielleicht braucht es weniger Kraft, einen anderen Ausgangspunkt oder eine langsamere Wiederholung. Die Antwort folgt dann stärker der gewonnenen Information.


Den Fehler lesbar machen

Ein Fehler wird lernwirksam, wenn sein Verlauf ausreichend deutlich wird. Dafür kann es hilfreich sein, die Situation zu verlangsamen, einzelne Abschnitte zu wiederholen oder den Druck zu vermindern.

Im schnellen Ablauf bleibt häufig nur das Ergebnis sichtbar. Die Bewegung misslingt, der Kontakt bricht ab oder die Antwort führt in eine unerwartete Richtung. Die vorausgehenden Übergänge verschwinden in der Geschwindigkeit.

Verlangsamung macht diese Übergänge erfahrbar. Der Körper beginnt, zusätzliche Spannung aufzubauen. Das Gewicht verschiebt sich. Der Blick löst sich vom Gegenüber und richtet sich auf eine innere Vorstellung. Jeder dieser Momente liefert eine eigene Information.

Auch Sprache kann einen Fehler lesbarer machen. Der Mensch beschreibt zunächst, was er beobachtet hat: „Als der Druck stärker wurde, habe ich den Atem angehalten.“ Eine solche Aussage bleibt nah am Geschehen und bietet einen gemeinsamen Ausgangspunkt.

Erklärungen können später hinzukommen. Vielleicht hängt die Reaktion mit einer vertrauten Schutzorganisation oder einer bestimmten Erwartung zusammen. Zunächst erhält jedoch das unmittelbar Wahrnehmbare Vorrang.

Der Fehler gewinnt dadurch Struktur. Er besitzt einen Beginn, einen Verlauf und eine Wirkung. Diese zeitliche Gestalt eröffnet konkrete Stellen, an denen der nächste Versuch verändert werden kann.

Lesbarkeit bedeutet daher mehr als analytisches Verstehen. Der Mensch erlebt den Zusammenhang im eigenen Körper und im Kontakt. Die Information wird Teil seiner zukünftigen Wahrnehmung.


Wiederholung und Variation

Wiederholung ermöglicht, einen Fehler unter ähnlichen Bedingungen erneut zu beobachten. Die Aufgabe bleibt zunächst vergleichbar, sodass kleine Veränderungen deutlicher hervortreten.

Der zweite Versuch dient dabei nicht nur der korrekten Ausführung. Er prüft eine Beobachtung. Was verändert sich, wenn der Atem weiterfließt? Welche Wirkung hat eine geringere Muskelspannung? Bleibt der Kontakt länger erhalten, wenn das Tempo sinkt?

Variation erweitert diesen Lernraum. Die Richtung des Drucks verändert sich, das Gegenüber reagiert früher oder die Gesprächssituation erhält einen anderen Schwerpunkt. Dadurch zeigt sich, ob eine neue Möglichkeit nur unter sehr engen Bedingungen funktioniert oder bereits beweglicher geworden ist.

Fehler können bei dieser Variation erneut auftreten. Sie erscheinen möglicherweise an einer anderen Stelle oder in einer feineren Form. Der Lernprozess gewinnt dadurch zusätzliche Informationen über die Reichweite der bisherigen Veränderung.

Allmählich entsteht ein differenzierteres Können. Der Mensch erkennt früher, wann seine Organisation enger wird. Er kann eine Bewegung anpassen, bevor sie vollständig festläuft, oder im Gespräch bemerken, dass seine Aufmerksamkeit bereits von einer Erwartung geführt wird.

Wiederholung und Variation verbinden Stabilität mit Offenheit. Eine Erfahrung wird vertieft und zugleich unter neuen Bedingungen überprüft. Lernen bleibt an die Wirklichkeit wechselnder Situationen gebunden.


Der Begleiter als Mitbeobachter

Ein Begleiter kann Veränderungen wahrnehmen, die dem handelnden Menschen zunächst entgehen. Er sieht eine Gewichtsverlagerung, hört eine Veränderung der Stimme oder bemerkt den Augenblick, in dem der Kontakt dünner wird.

Seine Beobachtung erhält Wert, wenn sie dem gemeinsamen Forschen dient. Eine präzise Rückmeldung kann lauten: „Als der Druck zunahm, wurden deine Hände fester und dein Oberkörper ging etwas zurück.“ Der Mensch kann anschließend prüfen, ob und wie er diesen Vorgang selbst erlebt hat.

Der Begleiter besitzt dabei eine zusätzliche Perspektive. Er verfügt jedoch über keinen vollständigen Zugang zum inneren Erleben des anderen. Seine Wahrnehmung bleibt ein Angebot, das sich im gemeinsamen Kontakt bestätigen, verändern oder erweitern lässt.

Auch der Begleiter macht Fehler. Er dosiert einen Druck unpassend, deutet eine Reaktion zu schnell oder hält an einer Übung fest, obwohl deren Lernraum bereits erschöpft ist. Seine eigene Bereitschaft zur Beobachtung prägt die Qualität der Begleitung.

Wenn er seine Beteiligung wahrnimmt und benennt, wird der Fehler Teil des gemeinsamen Prozesses. Dadurch entsteht eine Beziehung, in der fachliche Verantwortung und Offenheit miteinander verbunden bleiben.

Der Begleiter unterstützt somit weniger die Vermeidung von Fehlern als deren Lesbarkeit. Er hilft, Tempo, Intensität und Aufmerksamkeit so zu gestalten, dass aus einer Abweichung eine erfahrbare Information werden kann.


Bedeutung für die Vertikale Praxis

Die Vertikale Praxis entwickelt ihre Begriffe aus dem, was sich im gegenwärtigen Kontakt beobachten lässt. Fehler besitzen dabei eine besondere Bedeutung. Sie machen sichtbar, wo eine vorhandene Organisation und die tatsächlichen Bedingungen auseinanderfallen.

In dieser Differenz zeigt sich Wirklichkeit. Eine erwartete Bewegung trägt nicht. Eine vertraute Reaktion erreicht das Gegenüber anders als gedacht. Der Organismus erhält eine Rückmeldung, die seine bisherige Orientierung ergänzt.

Fehler als Information bedeutet daher, die Abweichung zunächst wahrnehmbar werden zu lassen. Der sichtbare Ausgangspunkt, die körperlichen Übergänge und die relationale Wirkung gehören gemeinsam zum Lernmaterial.

Diese Haltung verändert das Verhältnis zum Gelingen. Eine erfolgreiche Bewegung bestätigt, dass die gegenwärtige Organisation unter diesen Bedingungen trägt. Ein Fehler zeigt, an welcher Stelle weitere Differenzierung möglich wird. Beide Ergebnisse liefern Informationen.

Phänomenologische Entwicklung folgt diesem Wechselspiel. Der Mensch beobachtet, handelt und nimmt die Wirkung auf. Seine Begriffe und Erwartungen werden fortlaufend an der Erfahrung geprüft.

Inhibition schafft den Raum, einen Fehler vor der schnellen Korrektur zu untersuchen. Propriozeption macht körperliche Veränderungen zugänglich. Kontakt mit dem Gegenüber zeigt, welche Wirkung die eigene Bewegung im gemeinsamen Feld entfaltet.

So entsteht Lernen aus konkreten Unterschieden. Der Mensch entdeckt, wie viel Kraft erforderlich ist, an welchem Punkt seine Wahrnehmung enger wird und wodurch eine andere Antwort möglich werden kann.

Fehler verlieren damit ihre ausschließliche Verbindung zu Bewertung und persönlicher Leistung. Sie werden zu Ereignissen, an denen die gegenwärtige Organisation sichtbar wird. Diese Sichtbarkeit eröffnet Entwicklung.

Auch die Vertikale Praxis selbst bleibt auf solche Rückmeldungen angewiesen. Ihre Begriffe und Annahmen müssen sich an praktischen Erfahrungen bewähren. Wo sie eine Beobachtung nur unzureichend erfassen, entsteht eine Einladung zur Präzisierung.


Hinweis zur Entstehung: Dieser Fachtext wurde mit Unterstützung generativer KI redaktionell ausgearbeitet. Inhaltliche Konzeption und fachliche Verantwortung liegen bei den Betreibern dieser Website. Texte, die auf besonderes Interesse stoßen, werden redaktionell weiterentwickelt.

Wichtige Internetseiten

„Fehler als Information“ ist ein Arbeitsbegriff der Vertikalen Praxis. Wissenschaftlich anschlussfähig ist er unter anderem an die Forschung zum fehlerbasierten Lernen, zur Bedeutung von Rückmeldungen und zur Bearbeitung von Unterbrechungen in zwischenmenschlichen Arbeitsbeziehungen.

Die genannten Forschungsfelder verwenden unterschiedliche Fehlerbegriffe und verfolgen jeweils eigene Ziele. Die Vertikale Praxis verbindet sie nicht zu einem einheitlichen wissenschaftlichen Modell. Ihr Arbeitsbegriff richtet die Aufmerksamkeit darauf, was eine Abweichung über die gegenwärtige körperliche, wahrnehmungsbezogene oder relationale Organisation erkennen lässt.


Fragen & Antworten

Was bedeutet „Fehler als Information“?
Der Begriff beschreibt eine Haltung, in der eine misslingende Bewegung, eine unpassende Antwort oder ein unerwarteter Verlauf zunächst genau beobachtet wird. Der Fehler zeigt, wie Wahrnehmung und Handlung unter den gegenwärtigen Bedingungen organisiert waren.
Ist damit jeder Fehler etwas Positives?
Fehler können unangenehme oder ernsthafte Folgen haben und benötigen je nach Situation eine unmittelbare Korrektur. Ihr Informationswert liegt darin, dass sie Bedingungen und Abläufe sichtbar machen. Daraus können Verantwortung, Schutzmaßnahmen und ein genaueres zukünftiges Handeln entstehen.
Welche Informationen enthält ein körperlicher Fehler?
Ein körperlicher Fehler kann zeigen, wann zusätzliche Spannung entstand, der Bodenbezug schwächer wurde oder ein einzelner Körperbereich zu viel Arbeit übernahm. Auch Timing, Richtung und die Erwartung einer bestimmten Einwirkung werden dadurch beobachtbar.
Warum ist die erste Reaktion auf einen Fehler bedeutsam?
Nach einer Abweichung entstehen häufig sofort Ärger, Scham, Rückzug oder verstärkte Anstrengung. Diese zweite Reaktion prägt den weiteren Lernprozess. Wird sie wahrgenommen, kann die nächste Bewegung gezielter aus den vorhandenen Informationen hervorgehen.
Wie wird ein Fehler lesbar?
Verlangsamung, Wiederholung und eine angemessene Verminderung der Belastung machen den Verlauf deutlicher. Statt nur das Ergebnis zu betrachten, lässt sich beobachten, welche kleinen Veränderungen dem sichtbaren Fehler vorausgingen.
Welche Rolle spielt das Gegenüber?
Das Gegenüber liefert durch seine körperliche oder sprachliche Antwort eine Rückmeldung zur Wirkung der eigenen Handlung. Im zwischenmenschlichen Kontakt entsteht diese Wirkung gemeinsam. Beide Perspektiven können dazu beitragen, den Verlauf genauer zu verstehen.
Was unterscheidet Information von Bewertung?
Eine Bewertung ordnet das Geschehen häufig rasch als richtig, falsch, gelungen oder misslungen ein. Information beschreibt genauer, was geschah: wann sich die Spannung veränderte, welche Wirkung entstand und an welcher Stelle die Situation eine andere Richtung nahm.

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Porträt von Britta Germek

Systemisches Coaching mit Britta Germek

Britta und ich sind verheiratet und Eltern eines tollen Jungen. Seit unserer Rückkehr ins Münsterland entwickeln wir systheco als gemeinsames, nebenberufliches Projekt. Während ich in meinem Büro sitze und neue Texte schreibe, höre ich sie nebenan telefonieren. Nicht laut, aber ausreichend, um die Direktheit ihrer Stimme wahrzunehmen.

Als wir noch in Köln lebten, arbeitete Britta bei den Ford-Werken. Dort begleitete sie Führungskräfte unterschiedlicher Bereiche in Veränderungsprozessen. Britta mag die Zusammenarbeit mit hemdsärmeligen Leuten. Sie bleibt beharrlich, bis die Dinge auf den Punkt kommen. Gleichzeitig hat sie Geduld, wenn Menschen Zeit brauchen, Beobachtungen anzunehmen.



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