Realitätsfähigkeit

Björn Germek · Emsdetten

Entwickler der Vertikalen Praxis

Menschen begegnen der Wirklichkeit nie ohne Vorgeschichte. Frühere Erfahrungen, Erwartungen und die gegenwärtige körperliche Verfassung wirken bereits daran mit, was hervortritt.

Eine Wahrnehmung erhält schnell eine Bedeutung. Unter Druck kann diese erste Bedeutung so selbstverständlich werden, dass andere Hinweise kaum noch Gewicht erhalten.

Die Vertikale Praxis bezeichnet als Realitätsfähigkeit die wachsende Möglichkeit, die eigene Beteiligung wahrzunehmen und zugleich offen dafür zu bleiben, dass die gegenwärtige Wirklichkeit anders sein kann als erwartet.


Moin, ich bin der Björn.

Bevor du weiterliest, möchte ich dir kurz etwas darüber erzählen, was ich mache und warum es diesen und weitere Texte gibt.

Die Texte sind Teil meiner freiberuflichen Arbeit. Ich veröffentliche sie, weil mich die Themen beschäftigen und weil ich gerne Wissen teile. Genauso wichtig ist mir der Kontakt zu den Menschen, die hier lesen. Deshalb verstehe ich diese Seite als ein Beziehungsangebot. Wenn dich etwas berührt, interessiert oder beschäftigt, freue ich mich über eine Nachricht von dir.


Inhaltsverzeichnis


Kurz erklärt

Realitätsfähigkeit bezeichnet innerhalb der Vertikalen Praxis die zunehmende Möglichkeit, mit der gegenwärtigen Wirklichkeit in Kontakt zu bleiben.

Dazu gehört, wahrzunehmen, was tatsächlich geschieht, und zugleich zu bemerken, wie frühere Erfahrungen, Erwartungen und Deutungen diese Wahrnehmung mitgestalten. Realitätsfähigkeit bedeutet daher keine vermeintlich objektive Sicht von außen. Sie beschreibt eine beweglichere Beziehung zwischen eigener Erfahrung und gegenwärtiger Situation.

Die Wirklichkeit darf überraschen
Entwicklung zeigt sich dort, wo neue Informationen aufgenommen werden können, auch wenn sie einer vertrauten Erwartung widersprechen.


Wirklichkeit im gegenwärtigen Kontakt

Wirklichkeit erscheint nicht als fertiges Bild, das von außen betrachtet werden könnte. Sie zeigt sich im Kontakt: in einem Blick, einer Bewegung, einem gesprochenen Satz, einer körperlichen Reaktion oder einer Veränderung der Beziehung.

Wahrnehmung ist dabei immer beteiligt. Ein Mensch begegnet einer Situation mit seiner bisherigen Erfahrung, seiner aktuellen Verfassung und den Erwartungen, die sich im Laufe seines Lebens gebildet haben.

Realitätsfähigkeit beginnt deshalb nicht mit dem Anspruch, vollkommen neutral zu beobachten. Sie beginnt mit der Bereitschaft, die eigene Beteiligung wahrzunehmen. Was geschieht im Außen? Was geschieht im eigenen Organismus? Welche Bedeutung bildet sich bereits?

Je deutlicher diese Ebenen unterscheidbar werden, desto eher kann die gegenwärtige Situation selbst Einfluss auf das weitere Handeln gewinnen.


Wahrnehmung und Deutung

Zwischen einer Wahrnehmung und ihrer Bedeutung liegt häufig nur ein kaum bemerkbarer Übergang. Ein Mensch schweigt. Das Schweigen wird als Ablehnung erlebt. Eine Stimme wird lauter. Daraus entsteht die Gewissheit, angegriffen zu werden.

Die Deutung kann zutreffen. Sie kann ebenso aus früheren Erfahrungen hervorgehen und der gegenwärtigen Situation mehr Eindeutigkeit geben, als tatsächlich vorhanden ist.

Realitätsfähigkeit zeigt sich dort, wo beides nebeneinander wahrnehmbar bleibt. Das Schweigen ist vorhanden. Die eigene Erfahrung von Ablehnung ist ebenfalls vorhanden. Noch offen bleibt, ob das eine das andere vollständig erklärt.

Diese Offenheit erzeugt keinen Zustand dauernder Unentschlossenheit. Sie ermöglicht eine genauere Antwort, weil weitere Informationen aufgenommen werden können.


Wenn Erwartungen die Gegenwart ordnen

Frühere Erfahrungen helfen, Situationen rasch einzuschätzen. Sie machen Kontakt vorhersehbarer und stellen vertraute Reaktionen bereit.

Unter bestimmten Bedingungen wird diese Orientierung so stark, dass die Gegenwart vor allem als Wiederholung des Bekannten erscheint. Ein kritischer Blick bestätigt dann sofort die Erwartung, nicht zu genügen. Eine unklare Antwort wird als bevorstehender Rückzug verstanden.

Die Aufmerksamkeit sucht nun bevorzugt nach Informationen, die zur bereits entstandenen Bedeutung passen. Hinweise auf Interesse, Unsicherheit oder Offenheit erhalten weniger Gewicht.

Realitätsfähigkeit wächst, wenn solche Erwartungen selbst wahrnehmbar werden. Sie verschwinden dadurch nicht. Sie treten jedoch als ein Teil der Erfahrung hervor und müssen nicht länger die gesamte Situation erklären.


Der Körper als Teil der Wahrnehmung

Wirklichkeit wird verkörpert wahrgenommen. Noch bevor eine Situation sprachlich eingeordnet wurde, verändert sich häufig die körperliche Organisation.

Der Brustkorb wird enger, die Schultern richten sich auf Widerstand aus oder das Gewicht verlagert sich aus dem Kontakt heraus. Diese Veränderungen beeinflussen, wie das Gegenüber erlebt wird und welche Handlungsmöglichkeiten erreichbar erscheinen.

Der Körper liefert damit wichtige Informationen. Zugleich ist seine Reaktion keine unmittelbare Übersetzung der äußeren Wirklichkeit. Auch frühere Erfahrungen und gegenwärtige Erwartungen sind an ihr beteiligt.

Realitätsfähigkeit bedeutet deshalb, körperliche Reaktionen ernst zu nehmen und sie dennoch weiter zu untersuchen. Sie zeigen, wie der Organismus die Situation gegenwärtig organisiert. Ob diese Organisation der aktuellen Wirklichkeit entspricht, bleibt eine offene Frage.


Björn Germek in der Vertikalen Praxis

Vertikale Praxis – Erfahrungssettings

Diese Seite vertieft ein einzelnes Phänomen der Vertikalen Praxis. Sie gehört zu einem größeren Wissensbereich, der körperliche, relationale und entwicklungsbezogene Erfahrungen aus unterschiedlichen Perspektiven beschreibt.

Zwei Hauptseiten führen von diesem Wissen in konkrete Erfahrungsräume: Chi Sao und Vertikale Selbsterforschung. Auf beiden Seiten wird das jeweilige Erfahrungssetting ausführlich vorgestellt.


Chi Sao stammt ursprünglich aus der südchinesischen Kampfkunst Wing Chun. Die Partnerübung schult die Wahrnehmung von Berührung, Druck, Richtung und Veränderung im unmittelbaren Kontakt. Ich habe sie aus ihrem kämpferischen Zusammenhang heraus weiterentwickelt und an die Grundhaltung der Vertikalen Praxis angepasst.


Vertikale Selbsterforschung ist ein Erfahrungssetting für phänomenologisch orientierte Selbsterforschung. Im Mittelpunkt steht die unmittelbare Wahrnehmung des eigenen Körpers und seiner fortlaufenden Beziehung zur gegenwärtigen Situation. Propriozeption, innere Empfindungen und Resonanz werden dabei zu Zugängen für die gemeinsame Erforschung des eigenen Erlebens.


Widersprüchliche Wirklichkeit

Wirklichkeit ist häufig weniger eindeutig, als es die erste Reaktion nahelegt. Ein Mensch kann zugewandt sein und zugleich Abstand benötigen. Eine Entscheidung kann richtig erscheinen und dennoch Verlust auslösen.

Solche Widersprüche lassen sich schwer aushalten, wenn rasch eine eindeutige Ordnung benötigt wird. Eine Seite wird dann hervorgehoben, während die andere aus dem Wahrnehmungsfeld verschwindet.

Realitätsfähigkeit zeigt sich auch darin, mehrere widersprüchliche Aspekte gleichzeitig bestehen zu lassen. Dadurch entsteht kein vollständiges Bild. Die Situation wird jedoch weniger stark auf eine einzige Bedeutung reduziert.

Im Kontakt kann daraus eine größere Beweglichkeit entstehen. Eine Antwort muss nicht mehr so tun, als gäbe es nur Zustimmung oder Ablehnung, Nähe oder Distanz, Sicherheit oder Unsicherheit.


Realitätsfähigkeit unter Druck

Unter Belastung verengt sich die Wahrnehmung häufig. Der Organismus richtet sich auf schnelle Orientierung aus und bevorzugt vertraute Reaktionen.

Im Chi Sao kann ein Druck sofort als etwas erlebt werden, das abgewehrt werden muss. Der eigene Körper beginnt gegenzuhalten, noch bevor Richtung und Veränderung der einwirkenden Kraft genauer wahrgenommen wurden.

Bleibt ein Teil der Aufmerksamkeit beim eigenen Gleichgewicht, bei der Atmung und bei der tatsächlichen Veränderung des Kontaktes, wird die Situation differenzierter. Druck ist weiterhin vorhanden. Gleichzeitig werden Richtung, Intensität und mögliche Bewegung sichtbar.

Realitätsfähigkeit unter Druck bedeutet daher, genügend Kontakt zu erhalten, damit die gegenwärtige Situation mehr bleibt als der Auslöser einer bekannten Reaktion.


Kontaktverlust und Rückkehr

Realitätsfähigkeit ist keine dauerhaft verfügbare Leistung. Menschen verlieren Kontakt, verengen ihre Wahrnehmung und reagieren aus bekannten Mustern.

Entscheidend ist, ob dieser Verlust später bemerkbar wird. Vielleicht fällt auf, dass der Körper fest geworden ist, dass nur noch eine Erklärung möglich erscheint oder dass das Gegenüber innerlich bereits auf eine bekannte Rolle reduziert wurde.

Mit dieser Wahrnehmung beginnt die Rückkehr. Weitere Informationen können aufgenommen werden. Die eigene Reaktion wird verständlicher, ohne dass sie dadurch sofort verschwinden muss.

Entwicklung zeigt sich häufig genau in dieser verkürzten Entfernung zwischen Kontaktverlust und erneuter Orientierung. Die Wirklichkeit wird nicht lückenlos wahrgenommen, aber sie kann früher wieder erreicht werden.


Entwicklung als genaueres Begegnen

Realitätsfähigkeit beschreibt keine Ansammlung richtiger Einschätzungen. Ein Mensch kann sich irren und dennoch in lebendigem Kontakt mit der Wirklichkeit bleiben.

Entscheidend ist die Bereitschaft, eine Annahme zu verändern, wenn neue Erfahrung ihr widerspricht. Das Gegenüber darf anders sein als erwartet. Auch die eigene Reaktion kann sich als weniger eindeutig erweisen, als sie zunächst erschien.

Mit der Zeit entsteht dadurch eine beweglichere Form der Orientierung. Frühere Erfahrungen bleiben verfügbar, bestimmen jedoch nicht mehr selbstverständlich, was gesehen und wie gehandelt wird.

Innerhalb der Vertikalen Praxis bedeutet Entwicklung deshalb, der gegenwärtigen Wirklichkeit immer genauer begegnen zu können. Diese Begegnung bleibt vorläufig, weil jeder neue Kontakt weitere Unterschiede sichtbar machen kann.


Hinweis zur Entstehung: Dieser Fachtext wurde mit Unterstützung generativer KI redaktionell ausgearbeitet. Inhaltliche Konzeption und fachliche Verantwortung liegen bei den Betreibern dieser Website. Texte, die auf besonderes Interesse stoßen, werden redaktionell weiterentwickelt.

Wichtige Internetseiten

Die folgenden Fachquellen beleuchten Wahrnehmung als erfahrungsgebundenen Prozess, den Einfluss früherer Erwartungen, die Wahrnehmung körperlicher Signale und die Fähigkeit, Denken und Verhalten an veränderte Bedingungen anzupassen.

„Realitätsfähigkeit“ ist ein spezifischer Arbeitsbegriff der Vertikalen Praxis. Gemeint ist die wachsende Möglichkeit, gegenwärtige Wahrnehmungen, körperliche Reaktionen und eigene Deutungen voneinander unterscheiden und bei neuen Informationen erneut aufeinander beziehen zu können. Die genannten Quellen untersuchen verwandte Fragen der Wahrnehmung, der Erwartungsbildung, der Interozeption und der kognitiven Flexibilität. Sie bestätigen kein eigenständiges wissenschaftliches Konzept dieses Namens.


Fragen & Antworten

Was bedeutet Realitätsfähigkeit?
Realitätsfähigkeit bezeichnet innerhalb der Vertikalen Praxis die Möglichkeit, mit der gegenwärtigen Wirklichkeit in Kontakt zu bleiben. Dazu gehört, wahrzunehmen, was geschieht, und zugleich zu bemerken, wie eigene Erwartungen, frühere Erfahrungen und körperliche Reaktionen diese Wahrnehmung mitgestalten.
Geht es dabei um eine objektive Sicht auf die Wirklichkeit?
Nein. Wahrnehmung geschieht immer aus einer bestimmten körperlichen, biografischen und situativen Perspektive. Realitätsfähigkeit zeigt sich darin, die eigene Beteiligung wahrnehmen und neue Informationen aufnehmen zu können, auch wenn sie einer ersten Einschätzung widersprechen.
Warum werden Wahrnehmung und Deutung unterschieden?
Eine Wahrnehmung erhält meist sehr schnell eine Bedeutung. Ein Schweigen kann beispielsweise als Ablehnung erlebt werden. Die Unterscheidung hält offen, dass sowohl das Schweigen als auch die eigene Erfahrung von Ablehnung wirklich sind, ohne bereits zu behaupten, dass das eine das andere vollständig erklärt.
Welche Rolle spielt der Körper für Realitätsfähigkeit?
Der Körper reagiert häufig, bevor eine Situation bewusst eingeordnet wurde. Atmung, Spannung und Gleichgewicht zeigen, wie der Organismus den Kontakt gegenwärtig erlebt. Diese Reaktionen liefern wichtige Informationen, sind jedoch nicht mit einer vollständigen Beschreibung der äußeren Situation gleichzusetzen.
Warum fällt Realitätsfähigkeit unter Druck schwerer?
Unter Belastung richtet sich der Organismus stärker auf schnelle Orientierung und vertraute Reaktionen aus. Die Wahrnehmung wird enger und mehrdeutige Informationen erhalten weniger Raum. Realitätsfähigkeit zeigt sich dann darin, genügend Kontakt zu bewahren oder nach einer solchen Verengung wiederzufinden.
Kann man den Kontakt zur Wirklichkeit vollständig verlieren?
Im alltäglichen Sinn verlieren Menschen immer wieder Teile des Kontaktes. Erwartungen übernehmen die Wahrnehmung, der Körper verhärtet oder das Gegenüber erscheint nur noch in einer vertrauten Rolle. Entwicklung zeigt sich häufig darin, solche Veränderungen früher zu bemerken und leichter in einen offeneren Kontakt zurückzukehren.

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Porträt von Britta Germek

Systemisches Coaching mit Britta Germek

Britta und ich sind verheiratet und Eltern eines tollen Jungen. Seit unserer Rückkehr ins Münsterland entwickeln wir systheco als gemeinsames, nebenberufliches Projekt. Während ich in meinem Büro sitze und neue Texte schreibe, höre ich sie nebenan telefonieren. Nicht laut, aber ausreichend, um die Direktheit ihrer Stimme wahrzunehmen.

Als wir noch in Köln lebten, arbeitete Britta bei den Ford-Werken. Dort begleitete sie Führungskräfte unterschiedlicher Bereiche in Veränderungsprozessen. Britta mag die Zusammenarbeit mit hemdsärmeligen Leuten. Sie bleibt beharrlich, bis die Dinge auf den Punkt kommen. Gleichzeitig hat sie Geduld, wenn Menschen Zeit brauchen, Beobachtungen anzunehmen.



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