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Vorlesungen zur Vertikalen Praxis

Björn Germek

Emsdetten

In dieser Vorlesungsreihe entwickle ich nach und nach Gedanken zur Vertikalen Praxis. Es geht um Körper, Kontakt, Wahrnehmung und menschliche Reaktion unter Druck.

Die Vorlesungen richten sich an Menschen, die nachvollziehen möchten, wie sich die Vertikale Praxis entwickelt hat und welche Bedeutung Chi Sao, Transaktionsanalyse und psychotherapeutische Erfahrung dabei für mich gewonnen haben.

Alle Folgen stehen frei zur Verfügung. Sie geben einen unmittelbaren Eindruck davon, wie ich Zusammenhänge betrachte, spreche und arbeite.



#4 Vertikale Praxis in psychosozialen Feldern
ca. 16 Minuten

Über Förderschulen, Werkstätten, Psychiatrieerfahrung, Organisationsentwicklung, geschlossene Bürotüren, Autopoiesis, die Grenzen des Einzelkämpfertums und die Frage, wie aus Kampfkunst, Psychotherapie und Erwachsenenbildung allmählich die Vertikale Praxis entstand.

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#3 Vertikale Praxis und Wing Chun
ca. 13 Minuten

Über Bochumer Trainingsjahre, blaue Flecken, Totalität, Zentrallinie, Chi Sao und die Frage, weshalb körperliche Organisation unter Druck später zu einem zentralen Zugang meiner therapeutischen Arbeit wurde.

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#2 Vertikale Praxis und Transaktionsanalyse
ca. 10 Minuten

Über Wuppertaler Ausbildungswochenenden, Eric Berne, Skript, Skriptgewinn und die Frage, weshalb Menschen unter Druck oft in sehr alte Organisationsformen zurückfallen.

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#1 Was ist Vertikale Praxis?
ca. 10 Minuten

Ein erster Aufschlag zur Vertikalen Praxis: warum Menschen unter Druck nach vorne geraten, wie körperliche Organisation wieder zugänglich wird und weshalb Kontakt dabei eine zentrale Rolle spielt.

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Transkripte

Alle Vorlesungen können zusätzlich als Transkript gelesen werden.

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In den letzten Vorlesungen habe ich beschrieben, weshalb Kampfkunst und Transaktionsanalyse bis heute eine wichtige Rolle in meiner Arbeit spielen. Ich habe über Wahrnehmung von Kontakt gesprochen, über Lebenspläne und darüber, dass Menschen unter Spannung ihre vertraute Organisation herstellen.

Heute möchte ich daran anknüpfen und erzählen, wo ich diese Phänomene außerhalb des Trainingsraums wiederfand.

Nach meinem Studium lief ich zunächst beruflich orientierungslos durch die große Stadt Köln, wo ich inzwischen der Liebe wegen lebte. Das ist eine der Eigenarten eines geisteswissenschaftlichen Studiengangs: man lernt komplexes Denken, indem man vier Bücher gleichzeitig liest, aber eine berufliche Rolle ist nicht vorgegeben – man muss sich selbst erfinden.

Es gab für mich erste Jobs und Angestelltenversuche ohne wirkliches Zukunftsgefühl. Gleichzeitig liefen Kampfkunst und TA in meinem Leben intensiv weiter. Ich trainierte damals noch längere Zeit Wing Chun in Köln bis zur Lehrergraduierung meines Verbandes. Nach meinem anschließenden Austritt folgte Privatunterricht ohne Verbandszugehörigkeit. Auch in andere Kampfkünste schnupperte ich hinein. Aikido. Modern Arnis. Jeet Kune Do. Verliebte mich aber nicht neu.

Ich hatte eine vage Idee in meinem Kopf. Wollte vielleicht mit Kindern arbeiten in Grundschulen. Den vermeintlich schwächeren zeigen, wie sie gewaltfrei ihre persönlichen Grenzen kommunizieren können. Und den vermeintlich stärkeren, wie sie lernen, ihre überschwängliche Energie im Zaum zu halten. Ich gab diesem Konzept damals den Namen OK statt KO.

Mit der Veröffentlichung begann aber etwas Merkwürdiges. Eine Nischen-Zielgruppe fand mich.

Eines Tages rief mich ein Vater an aufgrund eines Flyers. Er erzählte mir von seinem lernbehinderten Sohn. Er wünsche sich, dass dieser etwas stabiler durchs Leben gehen könne. Er hätte nach einem Therapeuten gesucht, aber das sei nicht so einfach. Ob ich mich vielleicht einmal mit ihm treffen würde.

Menschen, die mir in den sozialen Medien schon einige Zeit folgen, wissen, dass ich Stotterer bin. Rückblickend habe ich schon den Eindruck, dass die Erfahrung einer eigenen Form von Andersartigkeit etwas mit dieser beruflichen Entwicklung zu tun hatte. Die meisten Menschen, die später bei mir landeten, bewegten sich ebenfalls außerhalb gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten – beziehungsweise engagierten sich für deren Betreuung. An manchen Stellen entstand darüber wohl schneller Vertrauen.

Kurz darauf arbeitete ich jedenfalls in Förderschulen. Später kamen Werkstätten hinzu. Mit den sogenannten KoKoBes, den Kontakt-, Koordinierungs- und Beratungsstellen für Menschen mit Behinderung, arbeitete ich in NRW zusammen.

Dann meldete sich der Leiter eines anthroposophischen Wohnheims in Niedersachsen und fragte, ob ich für mehrere Wochenenden vorbeikommen wolle und was das kosten würde. So verbrachte ich also Teile meiner Zeit in Worpswede, dem Malerdorf – in dem sonst allerdings erschreckend wenig los war.

Gleichzeitig musste ich mich zunächst an viele Dinge gewöhnen. Ich hatte keine heilpädagogische Ausbildung und begegnete plötzlich Menschen und Situationen, mit denen ich vorher kaum Berührung gehabt hatte.

Es gab Personen, die einen Helm trugen, weil sie anfallsartig gegen Wände rannten und sich dabei schwer verletzen konnten. Ein älterer Herr war es gewohnt, genau um 16 Uhr seine Zigarette zu rauchen. Verschob sich das nur leicht, geriet er in eine heftige Dysbalance und kratzte sich das Gesicht blutig.

Andere speichelten sehr stark. Da ich körperbezogen arbeitete, musste ich meinen eigenen Ekel teilweise erst einmal regulieren.

Gleichzeitig begegnete ich dort längst nicht nur Menschen mit schweren körperlichen oder kognitiven Beeinträchtigungen. Viele Gruppen waren psychisch hoch belastet.

Manche Männer hatten massive Suchtprobleme. Andere hörten Stimmen. Wieder andere sammelten mit großer Selbstverständlichkeit Abfälle aus öffentlichen Mülleimern und aßen Teile davon. Eine Dame drohte aus dem Nichts heraus mit Suizid und lief davon. Dadurch bekam das Wort Notfallpsychiatrie für mich plötzlich eine sehr konkrete Bedeutung. Später erklärte mir eine Betreuerin relativ nüchtern, dass solche Situationen dort häufiger vorkämen.

Und Missbrauch war ein großes Thema. Emotionaler Natur, häufig allerdings auch sexualisiert. Über Jahre gab es in fast jeder meiner Gruppen Menschen mit entsprechenden Erfahrungen.

Das überraschte und verstörte mich und führte weit über das hinaus, womit ich ursprünglich gestartet war.

Gleichzeitig wurde mir zunehmend klar, dass ich mich auch fachlich und rechtlich anders aufstellen musste, wenn ich weiterhin mit solchen Gruppen arbeiten wollte. Für mich führte dieser Weg schließlich zur Psychotherapie-Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz.

Neben der rechtlichen Erlaubnis war das natürlich auch eine massive Herausforderung für mich ganz persönlich. Ich saß ständig in öffentlichen Verkehrsmitteln, um in der ganzen Republik an solchen Geschichten teilzuhaben.

Die Aufträge waren für den sozialen Bereich ganz gut bezahlt, aber man brauchte immer externe Förder, Stiftungen zum Beispiel oder kirchliche Organisationen, um Projekte mit mir finanzieren zu können. Anders als Unternehmer in anderen Branchen konnte ich dadurch keine Stammkundschaft aufbauen.

Ich merkte auch, dass der finanzielle Aspekt mich nicht ganz frei handeln ließ. Im Hinterkopf war schon manchmal die Überlegung: wenn ich jetzt so und so handele, wenn ich mich jetzt klar positioniere, was passiert dann mit dem Auftrag?

Ich möchte mich an dieser Stelle auch bei einem Menschen bedanken, der in dieser Zeit für mich wichtig war. Ein katholischer Pfarrer und Behindertenseelsorger, der in Köln eine Beratungseinrichtung für Menschen mit Psychiatrieerfahrung leitete. Für sein Umfeld war er einfach Carlo. In diesen Jahren irgendwann auch für mich. Er ist inzwischen verstorben.

Im Rahmen unserer Zusammenarbeit hat er sich damals viel Zeit genommen, mich fachlich zu begleiten. Viele Gespräche mit ihm haben mir geholfen, auf unterschiedlichen Ebenen professioneller mit Menschen, Gruppen und schwierigen Situationen umzugehen.

Andersherum habe vermutlich auch ich ihn inspiriert. Mit meiner ungewöhnlichen Herangehensweise. Mit meiner Spiritualität als Punkrocker, der ihn zu gemeinsamen Veranstaltungen mit einem klapprigen, dröhnend lauten VW T3 abholte.

Parallel zu der Gruppenarbeit mit den Teilnehmenden selbst wurde ich zunehmend auch im Rahmen von Organisations- und Personalentwicklung gebucht. In der Regel von Einrichtungen öffentlicher Trägerschaft. Ich hatte mit Werkstattleitern, Pflegern und Therapeutinnen zu tun.

Die Menschen erzählten mir von Überforderung. Von Angst. Von Erschöpfung. Mitarbeitende berichteten von Situationen, die ihnen seit Jahren nachgingen. Manche wirkten äußerlich ruhig und standen innerlich längst unter Dauerspannung. Medikamentenabhängigkeit oder die kleine Flasche hinten im Küchenschrank waren ein häufiges Thema.

Ich erinnere mich an Teamsitzungen, in denen offiziell über Deeskalation gesprochen wurde, während sich gleichzeitig Spannungen zwischen einzelnen Mitarbeitenden durch den ganzen Raum zogen. Manchmal entstand der Eindruck, dass bestimmte Konflikte innerhalb eines Systems über lange Zeit mitgetragen wurden, ohne wirklich berührbar zu werden.

Das waren alles keine Unbedarften.

Sie kannten Modelle.

Sie wussten, wie man gewaltfrei sprechen sollte.

Sie konnten erklären, weshalb Eskalationen entstehen.

Und trotzdem veränderte sich unter Druck häufig sofort der gesamte Organismus.

Stimmen wurden heiser.

Bewegungen hektischer.

In der Körperarbeit verloren manche Menschen plötzlich ihre räumliche Orientierung. Andere begannen sofort Kontrolle herzustellen. Nicht selten versuchten Männer, mir gegenüber Dominanz zu zeigen. Wie Hunde, die ihre Schnauze auf den Rücken anderer Hunde legen. Manchmal klappte das auch.

Wieder andere verschwanden plötzlich. Sie meldeten sich krank und erschienen nicht mehr, ließen aber nette Grüße ausrichten.

Für mich bestätigten sich in diesen Situationen viele Wahrnehmungen aus der Kampfkunst erneut. Im Chi Sao spürt man sehr schnell, wann jemand Spannung verliert, wann jemand gegenhält, kollabiert oder nur noch muskulär arbeitet.

Hinzu kam eine weitere Erfahrung.

Sobald sich in Gruppen oder Teams tatsächlich etwas veränderte, entstanden oft neue Spannungen im System. Manche Einrichtungen luden Veränderung ein, solange sie theoretisch blieb. Sobald Prozesse konkreter wurden, reagierten Systeme plötzlich mit Skepsis, Rückzug oder Widerstand.

Das fand ich zunächst irritierend.

Mit der Zeit verstand ich langsam, dass nicht nur Individuen, sondern auch Systeme unter Druck ihre vertraute Organisation herstellen.

Niklas Luhmann, mit dem ich mich bereits im Studium beschäftigt hatte, nannte so etwas – in Anlehnung an die Biologie – Autopoiesis. Systeme versuchen ihre eigene Organisation aufrechtzuerhalten und stellen Vertrautes immer wieder her.

Manche Mitarbeitende begannen sehr aufmerksam und offen. Einige Wochen später entstanden Loyalitätskonflikte im Team. In anderen Situationen wurden Inhalte plötzlich stark kontrolliert oder in bekannte Routinen zurückgeführt.

Teilweise hatte ich den Eindruck, dass meine Anwesenheit selbst Spannung erzeugte.

Ich betrat manchmal Einrichtungen, in denen plötzlich sämtliche Bürotüren geschlossen waren.

Weil niemand mit mir reden wollte.

Rückblickend glaube ich, dass mir das Einzelkämpfertum in dieser Zeit zunehmend um die Ohren flog. Deswegen entschied ich mich nach langer Zeit bewusst dafür, hauptberuflich angestellt zu arbeiten.

Der Wechsel führte mich in die Erwachsenenbildung, konkret in die Produktion digitaler Lernmedien. Zuerst lernte ich sehr viel über Fotografie, ohne selbst Fotograf zu sein. Dann schloss sich der Kreis langsam zurück ins Gesundheitswesen.

Über viele Jahre hatte ich versucht, in unmittelbaren sozialen Spannungsfeldern alleine zurechtzukommen. Jetzt begann ich mich stärker mit der Frage zu beschäftigen, wie Erfahrungswissen überhaupt vermittelt werden kann. Wie Menschen lernen. Wie komplexe Inhalte verständlich werden. Und wie sich praktische Erfahrung in Formen übersetzen lässt, die andere Menschen tatsächlich erreichen.

Gleichzeitig lief die Reflexion aus der Kampfkunst und den psychosozialen Arbeitsfeldern innerlich weiter. Viele Erfahrungen aus dem Chi Sao, aus Gruppenprozessen, aus therapeutischen Begegnungen und aus Situationen unter Druck begannen sich mit der Zeit stärker miteinander zu verbinden.

Heute habe ich das Gefühl, bestimmte Prozesse rund um Kontakt, Wahrnehmung, Druck und menschliche Organisation wesentlich klarer benennen zu können als früher. Deshalb entstehen diese Vorlesungen erst jetzt.

Mich interessiert heute weniger die Vorstellung, alleine eigene Systeme aufzubauen. Ich suche eher nach tragfähigen Formen von Kooperation und Ergänzung. Deshalb arbeite ich bewusst selektiver als früher und verstehe meine Arbeit stärker als Unterstützung bestehender therapeutischer, beratender und pädagogischer Felder.

Daraus sind in den letzten Jahren unterschiedliche kleinere Formate entstanden. Unter anderem eine therapeutisch begleitete Onlinegruppe für Menschen während langer Wartezeiten auf einen Therapieplatz. Gleichzeitig beschäftigt mich die Frage, wie Aspekte der Vertikalen Praxis und des Chi Sao in therapeutischen, beratenden und pädagogischen Zusammenhängen erfahrbar werden können. Diese Vorlesungen sind im Grunde ein Versuch, einige dieser Erfahrungen öffentlich nachvollziehbar zu machen.

Die bisherigen Vorlesungen hatten einen vergleichsweise starken biografischen Anteil. Ab der nächsten Folge möchte ich mich nun zunehmend einzelnen Konzepten und praktischen Fragen der Vertikalen Praxis widmen.

Ich freue mich über fachlichen Austausch, Resonanz und neue Formen von Kontakt im Münsterland und darüber hinaus.

Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.


Transkript zu Folge #3 öffnen

Hallo und willkommen.

Hier spricht Björn Germek. Gemeinsam mit meiner Frau Britta betreibe ich systheco im Münsterland. Wir arbeiten in den Feldern Psychotherapie, Coaching und menschliche Entwicklung.

Ein Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf der vertikalen Praxis und der Frage, wie Menschen unter Druck in Kontakt mit sich selbst und anderen bleiben können. Diese Vorlesungsreihe richtet sich an Kolleginnen und Kollegen aus therapeutischen, beratenden und pädagogischen Feldern ebenso wie an Menschen, die sich grundsätzlich für Psychotherapie, Körperwahrnehmung und menschlichen Kontakt interessieren. Der Grund, warum ich das hier aufnehme, ist ziemlich einfach: Es muss gesagt werden.

In den letzten beiden Vorlesungen habe ich beschrieben, was ich meine, wenn ich von vertikaler Praxis spreche und weshalb die Transaktionsanalyse meine Arbeit bis heute prägt. Heute möchte ich darüber reden, inwiefern die vertikale Praxis durch die Kampfkunst Wing Chun beeinflusst ist.

Wing Chun hat mich über viele Jahre intensiv begleitet. Ein großer Teil meines heutigen Verständnisses von Kontaktdruck, Wahrnehmung und menschlicher Organisation stammt aus dieser Zeit.

Meine ersten Begegnungen mit Wing Chun liegen etwa drei Jahrzehnte zurück. Sie fanden statt in meinem Leben als Student in Bochum. Mein Lehrer hatte mehrere Schulen in verschiedenen Stadtbezirken und im Umland. In allen war ich regelmäßig anzutreffen, teilweise in zwei verschiedenen am selben Abend. Die Stimmung dort war speziell rau, weniger studentisch als später in Köln.

Viele meiner Trainingspartner kamen aus handwerklichen oder körperlich belastenden Berufen. Einige hatten eine Härte in der Art zu sprechen und sich zu bewegen, die mich gleichzeitig anzog und verunsicherte. Im Training wurde Druck nicht pädagogisch abgefedert. Wer getroffen wurde, lernte daraus. Wer Spannung verlor, bekam sofort Rückmeldung. Aber immer kumpelhaft ruhrpotttypisch.

Man fuhr mit blauen Flecken nach Hause, Unterarme brannten tagelang, Ellenbogen landeten im Brustkorb. Zwischendurch sah man Sterne und stand kurze Zeit benommen zwischen den anderen Leuten im Trainingsraum. Und trotzdem wollte ich sofort wieder hin.

Mich zog eine Form von Totalität an. Vorher hatte ich schon Jujutsu trainiert. Da wurden viele Bewegungen eher markiert. Im Wing Chun entstand plötzlich das Gefühl, dass Bewegungsenergie vollständig übertragen werden sollte. Wenn jemand nach vorne ging, dann mit einer Entschlossenheit, die körperlich unmittelbar spürbar wurde.

Das Training hatte dadurch eine hohe Intensität. Kräfte liefen tatsächlich durch den Körper. Druck blieb nicht symbolisch.

Ich erinnere mich an Situationen, in denen mein ganzer Organismus plötzlich unter Strom stand. Das Herz schlug bis in den Hals. Training im Tunnelblick Modus. Gleichzeitig lag in diesen Momenten eine enorme Lebendigkeit und ich war absolut glücklich.

Für einige Jahre wurde Wing Chun zu einem vollständigen Bezugssystem für mich. Die Art zu stehen. Die Art zu gehen. Die Vorstellung von Präsenz. Die Idee, unter Druck handlungsfähig zu bleiben. Konflikte früh wahrzunehmen. Sich innerlich nicht zurückzuziehen. All das begann sich miteinander zu verbinden.

Kurz entstand in mir die Vorstellung, ebenfalls zu diesen harten Männern zu gehören. Heute erkenne ich darin rückblickend eine Suche nach Orientierung und Zugehörigkeit. Und das Motiv Kampf hat für mich eine andere Bedeutung bekommen.

Ein wichtiger Einfluss damals war mein älterer Bruder, der inzwischen verstorben ist. Über ihn entstand früh eine Verbindung zu Kampfkunst und zu bestimmten Bildern von Entschlossenheit, Stärke und Wachheit. Dadurch bekam Wing Chun für mich von Anfang an eine emotionale Tiefe, die weit über ein gewöhnliches Hobby hinausging.

Hinzu kamen die Begegnungen mit dem Großmeister meines damaligen Verbandes. Diese Situationen haben mich auf eine Weise beeindruckt, die ich lange kaum beschreiben konnte.

Sobald Kontakt entstand, verlor ich vollständig die Orientierung über seine Struktur. Ich konnte nicht greifen, wie er organisiert war. Druck lief scheinbar ins Leere. Im nächsten Augenblick schnellte etwas auf mich zurück, das ich nicht mehr kontrollieren konnte.

Dabei ging es für mich nie um Einschüchterung im klassischen Sinn. Eher um das Gefühl, dass dort eine Form körperlicher Organisation existierte, die meiner Wahrnehmung weit voraus war.

Mich faszinierte die Verbindung aus Ruhe, Richtung und plötzlicher Explosivität. Im Rückblick erkenne ich darin einen wichtigen Ursprung meines späteren Interesses an Propriozeption, Kontaktwahrnehmung und Verformung.

Die Kampfkunst arbeitet mit direkten Linien, kurzen Wegen und einer präzisen Verbindung von Struktur und Bewegung. Große Ausholbewegungen gelten als problematisch, weil sie Zeit kosten und die eigene Organisation öffnen. Kraft soll aufgenommen, umgeleitet oder durch die Struktur geleitet werden.

Besonders wichtig wurde dabei die sogenannte Zentrallinie, die meinen Körpermittelpunkt mit dem Körpermittelpunkt des anderen verbindet. Viele Bewegungen organisieren sich entlang dieser Achse. Gleichzeitig entsteht dadurch eine besondere Form von Aufmerksamkeit.

Man beginnt wahrzunehmen, wann jemand Spannung verliert, wann Kraft kollabiert, wann jemand nur noch muskulär arbeitet, Richtung verloren geht und Kontakt plötzlich hart oder leer wird.

Im Erkennen dieser Phänomene begann mein Interesse, über die Kampfkunst hinauszugehen. Denn ähnliche Prozesse begegnen einem auch im Alltag und in therapeutischen Zusammenhängen.

Ein Mensch spricht schneller und schneller, obwohl er eigentlich ruhig wirken möchte. Eine andere Person verliert bei Konflikten den Kontakt zu den Füßen. Wieder jemand lächelt, obwohl der ganze Körper längst unter Spannung steht.

Mich beschäftigt bis heute, wie früh solche Veränderungen sichtbar werden.

Ein zentraler Übungsbereich für diese Wahrnehmung war Chi Sao. Chi Sao bedeutet ungefähr „klebende Hände“. Zwei Menschen bleiben dauerhaft über Arme und Hände miteinander in Kontakt. Dadurch entsteht ein fortlaufender Informationsfluss über Richtung, Druck, Spannung und Bewegung.

Man spürt sofort, wenn jemand gegenhält, wenn jemand einfriert, wenn jemand den Kontakt verliert oder hektisch reagiert. Und manchmal begegnet einem etwas sehr Besonderes: Eine Struktur, die weich bleibt und gleichzeitig vollständig organisiert wirkt.

Ich fand darin eine Schulung von Wahrnehmung, die ich nirgends in der Körperarbeit in gleicher Intensität wiedergefunden habe.

„Der Körper lügt nicht“, sagte mal ein befreundeter Therapeut zu mir. Er reagiert sofort, noch während der Verstand versucht, eine Situation einzuordnen.

Menschen beginnen unter Druck augenblicklich ihre vertraute Organisation herzustellen. Jemand passt sich an, jemand geht in den Angriff, verliert den Kontakt zur eigenen Stimme. Wieder jemand versucht, jede Spannung sofort zu kontrollieren.

Solche Bewegungen tauchen auf, bevor ein Mensch sie bewusst beschreiben kann.

In der letzten Vorlesung hatte ich über das Skript gesprochen, über frühe innere Organisationsformen, die Menschen unter Druck immer wieder herstellen. Im Wing Chun begann ich zum ersten Mal, solche Prozesse körperlich wahrzunehmen.

Manche Menschen gingen bei Kontakt sofort nach vorne, andere verloren schlagartig ihre Struktur, wieder andere wurden hart, obwohl der Körper eigentlich beweglich bleiben wollte. Einige arbeiteten plötzlich hektisch, sobald Druck entstand, andere wirkten innerlich wie verschwunden.

Für mich entstand daraus eine wichtige Verbindung zwischen Kampfkunst und Psychotherapie. Denn auch im therapeutischen Raum reagiert ein Mensch zunächst über seine vertraute Organisation. Der Körper spannt an, die Stimme verändert sich. Jemand beginnt sich zu erklären, geht in Anpassung oder versucht Kontrolle herzustellen.

Wing Chun hat meine Wahrnehmung für solche Prozesse stark geschärft.

Mit den Jahren begann gleichzeitig eine zunehmende Distanz zu bestimmten Strukturen innerhalb solcher Systeme.

Ein Teil davon hatte mit Hierarchie zu tun. In allen mir bekannten Wing Chun Schulen hingen große Bilder der Meister an den Wänden. Man verbeugte sich davor. Lehrer erschienen als Menschen, deren Einschätzung grundsätzlich höher stand als die eigene Wahrnehmung der Schüler.

Kritik erzeugte schnell Spannung im System. Wer einen Verband verließ, verlor teilweise sämtliche Graduierungen und begann bei einer Rückkehr wieder ganz am Anfang. Das fand ich eigentlich schon von Anfang an höchst merkwürdig.

Vor allem interessierte mich die Frage, was solche Strukturen mit Eigenständigkeit und Wahrnehmung machen.

Hinzu kam ein weiterer Punkt. Bestimmte buddhistische oder taoistische Prinzipien wurden in manchen Zusammenhängen stark vereinfacht oder kommerzialisiert vermittelt. Teilweise entstand bei mir der Eindruck, dass einzelne Ideen eher zur Stabilisierung bestehender Hierarchien dienten als zur Entwicklung von Eigenständigkeit.

Und dann war da noch das permanente Bild von der Straße. Die Außenwelt erschien in vielen Schulen als gefährlicher Ort, auf den man vorbereitet sein müsse. Rückblickend sehe ich darin eine Form von Wahrnehmungslenkung.

Wer über Jahre lernt, überall mögliche Eskalation mitzudenken, beginnt andere Menschen anders zu betrachten.

Eine Erfahrung wurde für mich dabei besonders wichtig. Für sehr kurze Zeit arbeitete ich als Securitymitarbeiter an einem Seiteneingang. Dort begegnete ich einer Form männlicher Energie, die mich nachhaltig irritierte.

Viel Alkohol, verlockende Weiblichkeit und damit einhergehende Spannung und viel unreife Aggression.

In einer solchen Nacht wurde mir glasklar, dass ich kein Straßenkämpfer bin. Da begann für mich langsam die Richtung sichtbar zu werden, die später in meine therapeutische Arbeit führte.

Wing Chun war einst mein Weg, mit dem Leben umzugehen. Gleichzeitig führte meine intensive Auseinandersetzung dazu, dass ich mich zunehmend von bestimmten Milieus, Ideologien und kommerziellen Strukturen entfernte. 2008 trat ich aus meinem Verband aus.

Für mich passt das wieder zu einem Gedanken aus der letzten Vorlesung: Veränderung führt häufig zu Trennung.

Seitdem vermisse ich meine Kampfkunst. Mit meinen Vorlesungen hier gebe ich ihr einen Teil dessen zurück, was ich von ihr lernen durfte.

Die vertikale Praxis entwickelt sich für mich seit vielen Jahren im Spannungsfeld von Psychotherapie, Körperarbeit, Kampfkunst und menschlicher Begegnung. Mit dieser Vorlesungsreihe versuche ich, einige dieser Erfahrungen öffentlich nachvollziehbar zu machen.

Ich freue mich über fachlichen Austausch, Resonanz und neue Formen von Kontakt im Münsterland und darüber hinaus.

Für heute vielen lieben Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.


Transkript zu Folge #2 öffnen

Hallo und willkommen.

Hier spricht Björn Germek. Gemeinsam mit meiner Frau Britta betreibe ich systheco im Münsterland. Wir arbeiten in den Feldern Psychotherapie, Coaching und menschliche Entwicklung.

Ein Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf der Vertikalen Praxis und der Frage, wie Menschen unter Druck in Kontakt mit sich selbst und anderen bleiben können. Diese Vorlesungsreihe richtet sich an Menschen aus therapeutischen, beratenden und pädagogischen Feldern ebenso wie an Menschen, die sich grundsätzlich für Psychotherapie, Körperwahrnehmung und menschlichen Kontakt interessieren. Der Grund, warum ich das hier aufnehme, ist ziemlich einfach: Es muss gesagt werden.

In der letzten Vorlesung habe ich beschrieben, was ich meine, wenn ich von Vertikaler Praxis spreche. Heute möchte ich etwas über die Transaktionsanalyse erzählen und darüber, weshalb sie meine Arbeit bis heute prägt.

Ich erinnere mich noch gut an die vielen Wochenenden damals in Wuppertal. Samstagmorgen. Kaffee in der Hand. Vierzehn Menschen mit losen Zetteln, Schnellheftern und Kladden neben sich. Die technische Ausstattung wirkte damals schon etwas aus der Zeit gefallen: ein klassischer Flipchart, ein Overheadprojektor und ein Whiteboard. Das Ganze liegt inzwischen etwa fünfundzwanzig Jahre zurück.

Einige der Teilnehmerinnen arbeiteten bereits therapeutisch oder beratend, vor allem saßen aber erstaunlich viele Lehrerinnen im Raum. Ein Organisationsentwickler war dabei, der über den Tellerrand schauen wollte. Und ein Friseur. Und ich saß dort mit einem Hintergrund, der zunächst eher nach Kampfkunst klang als nach Psychotherapie.

Eine Frau, ungefähr zwanzig Jahre älter als ich, saß mir diagonal gegenüber. Wir wurden später Freunde, obwohl wir in vielen Dingen grundverschieden waren. Sie hatte damals bereits drei erwachsene Kinder, einen altersschwachen Hund und einen Mann, von dem sie sich trennen wollte.

Überhaupt war das Thema Trennung in dieser Ausbildungszeit erstaunlich präsent. Ein Motiv, das mir später immer wieder begegnete: Bewusstwerdung führt häufig zu Veränderung und Veränderung wiederum führt oft zu Trennung.

Beim Erstkontakt mit der Transaktionsanalyse hatte ich ziemlich schnell das Gefühl, dort auf etwas zu stoßen, das mich unmittelbar betrifft. Vor allem die Art, wie die TA auf menschlichen Kontakt schaut.

Eric Berne hat mich früh fasziniert. Ein Buchtitel von ihm ist mir bis heute im Kopf geblieben: „Was sagen Sie, nachdem Sie Guten Tag gesagt haben?“ Für mich steckte darin sofort eine enorme Präzision.

Zwei Menschen begegnen sich. Äußerlich läuft alles höflich und ruhig. Gleichzeitig verändert sich etwas. Einer beginnt sich zu erklären, obwohl noch gar kein Vorwurf gefallen ist. Jemand antwortet auffällig freundlich, ein anderer zieht das Tempo an und spricht plötzlich fast ohne Pause weiter. Und irgendwann merkt man: Das Gespräch läuft längst auf mehreren Ebenen gleichzeitig.

Darin sah ich sofort eine Parallele zur Kampfkunst.

Auch im Wing Chun gibt es solche verdeckten Ebenen. Der Fokus liegt scheinbar auf einem horizontalen Impuls, während auf der vertikalen Achse etwas völlig anderes geschieht. In der Kampfkunst wird das teilweise absichtlich genutzt: Aufmerksamkeit binden, während parallel ein anderer Impuls ins Ziel gebracht wird.

Es war für mich erhellend, diese kämpferischen Prinzipien plötzlich in menschlicher Kommunikation wiederzuerkennen. Und genauso spannend war die Frage, wie stark solche verdeckten Prozesse Menschen innerlich beeinflussen.

Jemand sitzt im Therapieraum und möchte eigentlich ruhig bleiben. Gleichzeitig krächzt die Stimme, Worte sprudeln viel zu schnell oder geraten ins Stottern und der ganze Mensch arbeitet plötzlich nur noch gegen Spannung an.

Eine andere Person nimmt sich seit Jahren vor, klarer Grenzen zu setzen und sitzt trotzdem wieder lächelnd in einer Situation, die längst zu viel geworden ist. Und wieder jemand versteht die eigene Geschichte sehr genau, kann Beziehungen hervorragend analysieren und reagiert unter Druck trotzdem immer wieder auf dieselbe Weise.

Die Transaktionsanalyse nennt solche tief eingeprägten Muster Lebensplan oder Skript.

Menschen folgen unter Druck oft einer alten inneren Linie, obwohl ein anderer Weg längst sinnvoller wäre. Das Skript entsteht sehr früh als Antwort eines kleinen Menschen auf eine große Frage: Was muss ich tun? Wie muss ich sein, damit ich hier zurechtkomme, dazugehöre, vielleicht sogar überlebe? Das ist zunächst keine bewusst formulierte Antwort, eher ein körperliches Gefühl.

Berne sprach in diesem Zusammenhang von sogenannter marsischer Wahrnehmung. Die Vorstellung dahinter fand ich damals großartig.

Ein Marsmensch kommt auf die Erde, hört den Menschen zu und versteht alles wortwörtlich. Er kennt keine Ironie, keine doppelten Botschaften. Er weiß nicht, dass Menschen manchmal etwas völlig anderes meinen als das, was sie gerade sagen.

Wenn Eltern hart sprechen und gleichzeitig Fürsorge meinen, fehlt einem kleinen Kind oft die Möglichkeit, diesen Widerspruch richtig einzuordnen. Ein marsisch wahrnehmender kleiner Mensch fehlinterpretiert also seine Erfahrungen, weil ihm die Möglichkeit fehlt, sie mit bereits bestehendem Wissen abzugleichen.

Wenn die Mutter erschöpft klingt, wird daraus vielleicht: „Ich bin zu viel.“ Wenn ein Vater schweigsam wird: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Wenn Streit entsteht: „Ich muss aufpassen. Ich darf keine Schwierigkeiten machen.“

Das sind noch keine ausformulierten Gedanken. Eher eine frühe Form innerer Orientierung.

Das Skript wiederholt sich nicht einfach nur, es organisiert sich selbst immer wieder neu. Menschen entwickeln regelrechte Mechanismen, um in ihrer vertrauten inneren Ordnung zu bleiben. Selbst dann, wenn diese Ordnung schmerzhaft geworden ist.

Die TA spricht in diesem Zusammenhang von Skriptgewinn. Gewinn klingt zunächst nach etwas Positivem. Tatsächlich beschreibt Skriptgewinn etwas wesentlich Ambivalenteres.

Menschen bestätigen unbewusst immer wieder ihre alte innere Wahrheit. Jemand erlebt erneut, dass niemand wirklich zuhört. Eine andere Person landet wieder in Beziehungen, in denen sie sich aufreibt. Wieder jemand bekommt am Ende genau die Ablehnung, mit der innerlich ohnehin längst gerechnet wurde.

Und obwohl all das belastend ist, entsteht gleichzeitig etwas Vertrautes. Das hat mich tief beschäftigt. Vor allem die Frage, weshalb Menschen oft lieber im Vertrauten leiden, als etwas innerlich Neues zu riskieren.

Unser Ausbilder aus Mannheim hat dafür früh ein starkes Bewusstsein geschaffen.

Veränderung klingt zunächst attraktiv. Freiheit, Entwicklung, neue Möglichkeiten. Gleichzeitig kann es sich überraschend bedrohlich anfühlen, ein altes Skript wirklich infrage zu stellen.

Wenn jemand plötzlich beginnt, Grenzen zu setzen, verändern sich Beziehungen. Wenn ein Mensch sich nicht mehr ständig anpasst, entsteht Konflikt. Wenn jemand aufhört, jede Spannung sofort wegzulächeln, reagieren andere Menschen irritiert.

Manche Beziehungen tragen Entwicklung mit, andere nicht.

Bis heute interessiert mich weniger die schnelle Veränderung als die Frage, wie ein Mensch genügend innere Stabilität entwickelt, um Veränderung überhaupt aushalten zu können.

Und an dieser Stelle berührt die Transaktionsanalyse für mich die Vertikale Praxis.

Denn unter Druck geraten Menschen oft sofort wieder in ihre alte Organisation. Der Körper arbeitet gegen Spannung, Kontakt geht verloren. Menschen beginnen wieder zu funktionieren, zu kämpfen, sich anzupassen oder innerlich zu verschwinden.

Vertikale Praxis versucht deshalb, an diesen Stellen praktisch zu werden.

Nicht erst hinterher verstehen. Früher wahrnehmen. Spüren, wenn ein Gespräch beginnt zu kippen. Merken, wenn der eigene Körper bereits auf Alarm schaltet. Bemerken, dass man gerade wieder versucht, Sicherheit über eine sehr alte Form von Anpassung herzustellen.

Darüber werde ich in den kommenden Vorlesungen weiter sprechen.

Die Vertikale Praxis entwickelt sich für mich seit vielen Jahren im Spannungsfeld von Psychotherapie, Körperarbeit, Kampfkunst und menschlicher Begegnung. Mit dieser Vorlesungsreihe versuche ich, einige dieser Erfahrungen öffentlich nachvollziehbar zu machen.

Ich freue mich über fachlichen Austausch, Resonanz und neue Formen von Kontakt im Münsterland und darüber hinaus.

Für heute vielen lieben Dank fürs Zuhören. Bis zum nächsten Mal.


Transkript zu Folge #1 öffnen

Hallo und willkommen.

Mein Name ist Björn Germek. Gemeinsam mit meiner Frau Britta betreibe ich systheco. Wir arbeiten in den Feldern Psychotherapie, Coaching und menschliche Entwicklung.

Mit dieser Reihe beginne ich etwas, das mich seit langer Zeit begleitet. Zum Auftakt möchte ich eine einfache Frage beantworten: Was meine ich eigentlich, wenn ich von Vertikaler Praxis spreche?

Ich benutze diesen Ausdruck seit einiger Zeit. Für etwas, das ich über Jahre beobachtet habe, fehlte mir lange ein passendes Wort.

Viele Menschen geraten unter Druck nach vorne.

Aufgaben ziehen nach vorne. Bildschirme tun das auch. Konflikte können denselben Sog entwickeln. Sorgen halten die Aufmerksamkeit ständig bei dem, was noch kommt. So lebt man schnell nur noch in einer Richtung: zum Nächsten, zum Dringenden, zu dem, was erledigt werden muss.

Vertikale Praxis ergänzt eine zweite Achse.

Sie erinnert an Boden und Gewicht, an Aufrichtung, an die eigene Wahrnehmung. Das klingt schlicht. Wer es erlebt, merkt meist schnell einen Unterschied.

Wer unter Druck die Füße wieder spürt, entscheidet manchmal anders. Ein ruhigerer Atem verändert die Stimme. Wer sich im Körper besser organisiert, wird weniger leicht fortgezogen von Stimmung, Tempo, Erwartungen anderer oder von alten Gewohnheiten.

Viele Menschen verstehen sehr gut, was sie belastet. Sie kennen Herkunft, Muster und Dynamik. Trotzdem bleibt das Nervensystem angespannt. Der Körper lebt weiter im Alarmzustand.

Dann reicht Einsicht allein oft nicht aus. Es braucht Erfahrung. Die Erfahrung von Halt. Die Erfahrung, dass Spannung nachlassen kann, dass Regulation möglich wird und Kontakt auch in schwierigen Momenten bestehen bleibt.

Ein weiterer Zugang führt für mich über Chi Sao.

Chi Sao stammt aus der südchinesischen Kampfkunst Wing Chun, die ich früher über viele Jahre intensiv betrieben habe.

Zwei Menschen stehen über Arme und Hände in Kontakt. Man merkt schnell, wann jemand hart wird, ausweicht, sich verliert oder unnötig kämpft. Mich beschäftigt daran heute vor allem die Übertragbarkeit.

Unter Druck verlieren Menschen leicht ihre Organisation. Sie drücken zurück, ziehen sich weg, erstarren, reagieren vorschnell.

Manchmal gelingt etwas anderes. Jemand bleibt verbunden mit dem eigenen Stand, dem Gegenüber und mit dem, was gerade wirklich geschieht.

Darin liegt für mich ein großer praktischer Wert.

Viele Konflikte im Alltag verlaufen ähnlich, auch wenn sich dort niemand körperlich berührt.

Ein Blick, ein Tonfall, eine Kritik, eine unausgesprochene Erwartung. Der Körper antwortet längst, bevor ein klarer Gedanke formuliert ist.

Man wird hart, man wird klein, geht nach vorne oder zieht sich innerlich zurück.

Vertikale Praxis hilft, in solchen Momenten erreichbar zu bleiben. Erreichbar für sich selbst, für die Situation, für den anderen Menschen, ohne sich dabei zu verlieren.

Wie beginnt so etwas im Alltag?

Meist viel unscheinbarer, als Menschen zunächst denken. Es braucht keinen freien Nachmittag. Solche Arbeit beginnt in kleinen Momenten, mitten im normalen Leben.

Jemand steht in der Küche und merkt, dass er längst gegen den Boden drückt. Einer sitzt im Gespräch und bemerkt erst nach einigen Minuten die Spannung in den Schultern. Ein anderer antwortet schneller, als es innerlich stimmig ist, und merkt es einen Satz später.

Schon solche Momente sind brauchbar.

Dann entsteht die Möglichkeit, wieder Kontakt aufzunehmen: zu den Füßen, zum Atem, zum eigenen Tempo und zu dem, was man tatsächlich sagen möchte.

Mit der Zeit wächst daraus eine andere Form von Selbststeuerung. Weniger über Härte, mehr über Wahrnehmung und bessere Organisation.

Es gibt Menschen, die kennen nur zwei Zustände: funktionieren oder zusammenbrechen. Dazwischen liegt ein Feld, das sich entwickeln lässt.

Für mich wird Veränderung an solchen Stellen praktisch.

Man merkt früher, wann Tempo ins Spiel kommt. Ein Gespräch zeigt seine Schieflage oft schon am Anfang. Man hört sich selbst Ja sagen, obwohl innerlich längst ein Widerstand da ist.

Solche Dinge wirken klein. Im Alltag entscheiden sie erstaunlich viel.

Entwicklung beginnt mitten im laufenden Leben. Während eines Telefonats, auf dem Parkplatz vor einem Termin, beim Abendessen mit der Familie oder in dem kurzen Moment, bevor man auf eine Nachricht wartet.

Viele hoffen zunächst auf bessere Bedingungen. Mehr Ruhe. Mehr Zeit. Dass der Druck nachlässt. Ein verständigeres Umfeld.

Ich kenne den Wunsch gut. Die Erfahrung zeigt etwas Nüchterneres.

Veränderung beginnt unter den Bedingungen, die gerade da sind. Mitten im Lärm, im Zeitdruck, mit Müdigkeit und mit Themen, die offen sind.

Vertikale Praxis richtet den Blick auf den vorhandenen Moment. Sie fragt, was jetzt möglich ist.

Manchmal ist es nicht viel. Ein ruhigerer Atemzug, ein klarerer Satz oder ein Moment Bodenkontakt, bevor ich antworte. Manchmal läuft ein Konflikt anders, als er sonst gelaufen wäre.

Mich beschäftigt die Frage, wie ein Mensch sich innerlich ordnet, wenn Druck entsteht. Wie Kontakt bestehen kann, während Ärger, Angst, Scham, Beschleunigung und alte Gewohnheiten bereits mit am Tisch sitzen.

Das begegnet einem im Therapieraum, in Paarbeziehungen, in Teams, Familien und im eigenen Kopf an einem Dienstagmorgen.

Wer darauf achtet, merkt schnell: Menschen leiden an ihren Themen. Und sie leiden an der Art, wie sie unter Belastung mit sich selbst umgehen.

Einige werden hart gegen sich, andere verlieren jede Richtung. Manche erklären alles schlüssig und bleiben innerlich im Alarm. Wieder andere passen sich so weit an, dass die eigene Stimme kaum noch vorkommt.

Vertikale Praxis ist für mich ein Versuch, an solchen Stellen praktisch zu werden.

Wie findet jemand wieder Boden? Wie kommt Beweglichkeit zurück? Wie wird aus Reaktion wieder Handlung? Und wie bleibt Würde spürbar, wenn ein Gespräch schwierig wird?

Über solche Fragen werde ich in den kommenden Vorlesungen sprechen.

Es geht um psychotherapeutische Problemfelder. Es geht um Chi Sao und das, was ich daraus für meine heutige Arbeit mitgenommen habe. Um Verbindungen zur systemischen Arbeit, zur Transaktionsanalyse, zu körperorientierten Verfahren, zur phänomenologischen Psychotherapie und zur F. M. Alexandertechnik.

Vor allem aber spreche ich über Erfahrungen, die Menschen im eigenen Leben machen können. Gedanken gewinnen Wert, wenn sie sich im Alltag bewähren.

Diese Gedanken sind über Jahre gewachsen. Jetzt beginne ich, sie zu ordnen und in eine Form zu bringen, die teilbar wird.

Wenn du bis hierhin zugehört hast, ist die Richtung dieser Reihe vielleicht schon spürbar geworden.

Es geht um Menschen in realen Situationen. Um Druck im Alltag, um Beziehungen, in denen etwas kippt, um Gespräche, nach denen man merkt, dass man sich selbst ein Stück verloren hat. Und um Momente, in denen plötzlich Klarheit auftaucht.

Mich beschäftigen ebenso kleine Verschiebungen, die im Leben einen Unterschied machen. Mehr Standfestigkeit im Konflikt, eine freiere Stimme. Der Augenblick, in dem jemand merkt, dass es auch anders gehen kann.

Wenn etwas davon bei dir andockt, freue ich mich über Rückmeldung. Wenn du in therapeutischen, beratenden oder pädagogischen Feldern arbeitest und Berührungspunkte siehst, freue ich mich genauso.

Gemeinsam mit Britta entsteht unter systheco ein Ort für Psychotherapie, Coaching und Entwicklung. Mehr dazu findest du auf den weiteren Seiten.

Für heute soll diese Einführung genügen. Lieben Dank fürs Zuhören.

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Porträt von Britta Germek

Britta Germek

Britta und ich sind verheiratet und Eltern eines tollen Jungen. Seit unserer Rückkehr ins Münsterland entwickeln wir systheco als gemeinsames, nebenberufliches Projekt. Während ich in meinem Büro sitze und neue Texte schreibe, höre ich sie nebenan telefonieren. Nicht laut, aber ausreichend, um die Direktheit ihrer Stimme wahrzunehmen.

Als wir noch in Köln lebten, arbeitete Britta bei den Ford-Werken. Dort begleitete sie Führungskräfte unterschiedlicher Bereiche in Veränderungsprozessen. Britta mag die Zusammenarbeit mit hemdsärmeligen Leuten. Sie bleibt beharrlich, bis die Dinge auf den Punkt kommen. Gleichzeitig hat sie Geduld, wenn Menschen Zeit brauchen, Beobachtungen anzunehmen.